Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus PDF Drucken E-Mail

"Der Weg des Faschismus ist der Weg des Maschinellen, Toten, Erstarrten, Hoffnungslosen. Der Weg des Lebendigen ist grundsätzlich anders, schwieriger, gefährlicher, ehrlicher und hoffnungsvoller"

Wilhelm Reich, Die Massenpsychologie des Faschismus

Heuer wird in Europa der 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert. Dieses System mit seiner in der Geschichte beispiellosen Brutalit√§t brachte Not und Elend √ľber Europa. Die Befreiung erfolgte allerdings nur durch die milit√§rische Niederlage, nicht aus der eigenen Kraft des Widerstands. Denn ein gro√üer Teil der Bev√∂lkerung war bereit, die Knechtschaft freiwillig zu akzeptieren. Indem es den unterdr√ľckten und gedem√ľtigten Massen vorspiegelte, einer "Herrenrasse" anzugeh√∂ren, n√ľtzte das Nazi-Regime geschickt die niedrigen Instinkte der Menschen wie Neid, Missgunst und Feigheit aus. Denn das System h√§tte nicht funktioniert ohne die Folterknechte, ohne die Spitzel und Denunzianten. Wenn man auf diese menschenverachtende Terrorherrschaft zur√ľckblickt, stellt sich unweigerlich die Frage, was Menschen dazu bringen kann, solche unmenschlichen Grausamkeiten zu begehen?

Ist der Faschismus nur die Herrschaft reaktion√§rer Cliquen und die Folge von Verhetzung durch falsche F√ľhrer? Oder liegt die Ursache tiefer in der psychischen Struktur der Menschen? Diese Frage hat der Psychoanalytiker Wilhelm Reich untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Faschismus keineswegs eine typisch deutsche Charaktereigenschaft ist, sondern vielmehr in jedem Erdenb√ľrger wirkt. Die Menschenmassen seien infolge Jahrtausende alter sozialer und erzieherischer Verunstaltung versteift und freiheitsunf√§hig geworden. Als Ergebnis des Aufeinanderprallens vom Trieb nach lustvollem Erleben und versagender Au√üenwelt ist nach Reich eine charakterliche Panzerung zu konstatieren, welche sich im zwischenmenschlichen Bereich als Lieblosigkeit, R√ľcksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft manifestiert. Nat√ľrliche sch√∂pferische Impulse k√∂nnen nicht mehr zur Geltung gelangen und pervertieren stattdessen in Hass gegen das Lebendige.

Im Kapitalismus stehen die Bed√ľrfnisse der Menschen im Dienste einer chaotischen Wirtschaft. Die Mehrheit der Erdbe¬≠v√∂lkerung lebt in realer Not und illusion√§rer Befriedigung. Doch weshalb setzt sich die Idee des rationalen Lebens und einer Wirtschaft, die sich in den Dienst der menschlichen Bed√ľrfnisse stellt, so schwer durch? Weshalb verharren die Massen der Unterdr√ľckten in Passivit√§t oder verfolgen politische Einstellungen, die ihren realen Interessen widersprechen? Ist der Faschismus demnach als historische Notwendigkeit und nicht als politische Verfehlung zu betrachten? Wilhelm Reich, der selbst niemals in Resignation verharrte, k√§mpfte sein Leben lang gegen die Hoffnungslosigkeit und betonte, dass die Angst vor Verantwortung und Freiheit nicht - wie der Faschist typisch glaubt - "im Wesen des Menschen" begr√ľndet sei, sondern geschichtlich geworden und daher ver√§nderbar sei. In "Die Massenpsychologie des Faschismus" entwirft Reich dar√ľber hinaus die Vision einer sozialistischen Gesellschaft, die ohne Repression auskommt, weil sie den Menschen mit seinen Bed√ľrfnissen achtet und nicht √§ndern, sondern nur befreien will, was naturgegeben ist.

Wenn wir auf die 60 Jahre seit der Befreiung vom Nationalsozialismus zur√ľckblicken, m√ľssen wir feststellen, dass wir von faschistischem Gedankengut nicht nur nicht befreit sind, sondern dass viele Menschen bereit sind, eine faschistische Propaganda voller Halbwahrheiten anzunehmen. Nicht die offenen Rassisten und Neonazis stellen die gr√∂√üte Gefahr dar, denn dabei handelt es sich meist um orientierungslose Menschen, denen von der Gesellschaft keine Perspektive auf ein erf√ľlltes Leben geboten wird. Vielmehr sind Faschismus und Rassismus im Denken gro√üer Teile der Bev√∂lkerung latent vorhanden und werden von den Herrschenden ausgen√ľtzt. Dass der Faschismus im System verankert ist, offenbart sich in der Hetze der Medien sowie in einer repressiven und diskriminierenden Gesetzgebung gegen√ľber Schwachen und Minderheiten. Sind wir bereit, aus unserer Vergangenheit zu lernen? Trotz aller Lippenbekenntnisse von Seiten der Politiker nimmt die Frage, worin die Ursachen in der menschlichen Psyche f√ľr die Anf√§lligkeit f√ľr den Faschismus liegen und wie man dieser Neigung entgegenwirken k√∂nnte, einen viel zu geringen Platz in der Forschung ein. Oder entspringt die Weigerung, sich mit den psychologischen Ursachen des Faschismus ernsthaft auseinanderzusetzen, der Angst, dass diese Kritik an den Grundfesten der Gesellschaft r√ľtteln k√∂nnte: der patriarchalischen Familie und dem b√ľrgerlichen Staat?

Wilhelm Reich, 1897 - 1957

Wilhelm Reich wurde 1897 in Galizien geboren. Nach dem freiwilligen Dienst in der √∂sterreichischen Armee immatrikulierte er an der juridischen Fakult√§t in Wien. Abgesto√üen von der b√ľrokratischen, seelenlosen Justiz wechselte er bald an die medizinische Universit√§t, wo er Sch√ľler Sigmund Freuds wurde. Reich entwickelte Freuds Libidotheorie weiter. In seinem Werk "Die Funktion des Orgasmus" weist er darauf hin, dass neurotische Angst aus der Hemmung entstehe, sich dem Str√∂men der biologischen Energie hinzugeben. F√ľr seine Arbeit "Charakteranalyse" fand er keinen Verleger. Darin schildert er die Beobachtung eines "Charakterpanzers" bei Patienten, in dem Gef√ľhle blockiert sind. Dieser charakterlichen Blockierung entspricht ein Muskelpanzer. Reich begr√ľndet die "Vegetotherapie", die direkt am K√∂rper des Patienten arbeitete und versuchte, die physischen Panzerungen aufzul√∂sen. Dies f√ľhrte zu spekta¬≠kul√§ren Therapieerfolgen und zu neidischen Angriffen anderer Psychoanalytiker.

Im Gegensatz zu Freud war Reich aber immer politisch und suchte die Ursachen f√ľr Erkrankungen nicht ausschlie√ülich in den Kindheitserlebnissen sondern in den realen Lebensbedingungen der Menschen. Seiner Zeit weit voraus, gr√ľndete er Sexualberatungsstellen f√ľr Jugendliche und be¬≠sch√§ftigte sich mit Reformen in der Erziehung und im Umgang mit Kindern. Als er "Die Massenpsychologie des Faschismus" ver√∂ffentlichte, erntete er nicht nur die Kritik der gerade an die Macht gekommenen Nazis, sondern wurde ebenfalls aus der kommunistischen Partei und aus der Psychoanalytischen Ver¬≠einigung ausgeschlossen. Er musste fliehen und seine Schriften wurden verboten.

Im Exil in den USA untersuchte Reich die Krebsentstehung und definierte diese bis heute unheilbare Krankheit als funktionell-psychosomatisch. In Experimen¬≠ten entdeckte er eine neue Energieform, die er Orgon nannte. 1947 setzte eine beispiellose Hexenjagd auf Wilhelm Reich ein. Er wurde beschuldigt, mit Sex Gesch√§fte zu machen und als Schwindler und Schizophrener bezeichnet. Unbeirrt versuchte Reich weiterzuarbeiten. Doch sein Ende war schon geplant. Obwohl klinisch fundierte Belege f√ľr die Wertlosigkeit von Reichs Arbeit nie ver√∂ffentlich wurden, zerst√∂rte die amerikanische Ge¬≠sundheitsbeh√∂rde sein gesamtes Lebenswerk. Seine Ver√∂ffentli¬≠chungen wurden in einer M√ľllverbrennungsanlage vernichtet und Reich wurde zu zwei Jahren Gef√§ngnis verurteilt. Obwohl zahl¬≠reiche √Ąrzte und Wissenschaftler Protestschreiben an alle √ľberregionalen Zeitungen der USA und Englands schickten, erschien nicht eine einzige Meldung.

Am 3.11.1957 starb Wil¬≠helm Reich in der Haft, wie es hei√üt, an Herzversagen. Sein letztes, im Gef√§ngnis geschriebenes Manuskript wurde vernich¬≠tet. Sein Mitarbeiter, der Arzt M. Silvert, nahm sich nach der Haftentlassung das Leben. Die Ideen Wilhelm Reichs wurden von den meisten etablierten Wissenschaftlern ignoriert und als Hirngespinste eines vom Leben entt√§uschten Menschen abgetan. Anerkennung wurde ihn nur von eher wissenschaftsfernen Bewegungen, wie der Studentenbewegung der 68er zuteil. Waren Reichs Theorien wertlos oder war er ein Exzentriker, wie gesagt wurde? Das hinderte andre nicht, aus seinen Schriften abzuschreiben - ohne die Nennung Reichs als Urheber. Oder traf der von so vielen Seiten ungeliebte Reich bei vielen Menschen einen Punkt, an dem sie an sich selbst Abgr√ľnde wahrnehmen, die sie lieber im Verborgenen halten?


Links:
Wilhelm Reich Biographie von Wolfram Ratz: http://www.wilhelmreich.at/wp-content/uploads/WilhelmReich-Biografie.pdf

Ausschnitt aus: Wilhelm Reich. Die Massenpsychologie des Faschismus: I. Die Ideologie als materielle Gewalt. 3. Die Fragestellung der Massenpsychologie (S.41-44). http://www.trend.infopartisan.net/trd1108/t341108.html
Ausschnitt Vorwort zur dritten korrigierten und erweiterten Auflage von Die Massenpsychologie des Faschismus von Wilhelm Reich im August 1942: http://wahrheitscorner.blogspot.com/2009/03/die-massenpsychologie-des-faschismus.html

Video: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? http://youtu.be/4du3_mAHTWY

erschienen in: Talktogether Nr. 12/2005