Die Geschichte von Pastor Martin Niemöller PDF Drucken E-Mail

Die Geschichte von Pastor Martin Niemöller

(1892-1984)


„Als die Nazis die Kommunisten holten,

habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, (siehe Anm.1)
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Jude. 
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestierte.“

 

Dieses kleine Gedicht ist weltweit bekannt geworden und wird häufig zitiert. Es stammt von Martin Niemöller, einem deutschen Pastor, der von 1937 bis 1941 im Konzentrations­lager inhaftiert war. Weniger bekannt ist, wann er diesen Ausspruch machte und was aus ihm geworden ist. Die faszinierende Geschichte von Martin Niemöller wirft mehr Licht auf die Bedeutung dieses Gedichts.

Vom U-Boot zur Kanzel

Das erste Mal zieht Martin Niemöller die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit im Jahr 1933 mit der Veröffentlichung seines Buchs „Vom U-Boot zur Kanzel" auf sich, dass sei­nen Weg vom U-Boot-Kommandanten im Ersten Weltkrieg zum Pfarrer einer protestantischen Kirche beschreibt. Aber es handelt sich nicht um die Wandlung eines Kriegers zu einem Pazifisten – Niemöller ist stolz auf seine U-Boot Karriere und auch nach dem Krieg in einer konterrevolutionären Veteranengruppe aktiv, die in der Zeit nach dem Krieg gegen die deutsche Arbeiterbewegung kämpft. Nach dem Kapp-Putsch übernimmt Niemöller das Kommando beim Regiment "Akademische Wehr" der westfälischen Reichswehrbrigade gegen den Aufstand der Ruhrarbeiter, die den Rechtsrutsch verhindern wollen. Sein Buch wurde in der Nazi-Presse gelobt und wurde zum Bestseller. Niemöller begrüßt, wie der Großteil der protestantischen Geistlichkeit, auch den Nazi-Putsch als „nationales Wiedererwachen“.

Doch als 1934 Hitler versucht, die protestantischen Kirchen mit Gewalt in einer „Deutschen Reichskirche“ zu vereinen und ihre Ideologie auf Nazi-Linie zu bringen, widerspricht Niemöller, der der „Bekennenden Kirche“ vorsteht, dem Reichskanzler Hitler, der der Kirche jede Verantwortung für "irdische" Angelegenheiten des Deutschen Volkes abspre­chen will. Niemöller erhält Predigtverbot, über das er sich aber hinwegsetzt. Niemöller wendet sich auch gegen die Einführung des "Arier-Paragraphen", weitere Maßnahmen gegen Juden und andere bleiben allerdings unwidersprochen.

Doch selbst als Niemöller immer mehr in Konflikt mit den Nazis kommt, ist er vorsichtig darauf bedacht, sich innerhalb gewisser Grenzen zu halten. Er teilt teilweise den Nazi-Patri­otismus und hegt sogar gewisse Sympathien für Hitler. Als der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer die Chris­ten dazu aufruft, den Juden nicht nur zu helfen sondern gegen ihre Verfolgung offen zu protestieren, widerspricht Niemöl­ler mit dem Argument, die Kirche müsse sich zuerst um ihre eigene Sicherheit kümmern. Doch das alles nützt letztlich weder Niemöller noch der „Bekennenden Kirche“. 1936 ver­haften die Nazis hunderte Pastoren und töten die führenden Persönlichkeiten. Am 1. Juli 1937 wird auch Niemöller selbst – der U-Boot Kommandant und einstige Liebling der Nazi-Presse – wegen „Hochverrats“ verhaftet. Als „persönlicher Gefangener“ Hitlers verbringt er die nächsten acht Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau, viele Jahre davon in völliger Isolation. Niemöller und die anderen verhafteten Pastoren sind nun völlig allein, denn die „Beken­nende Kirche“ (siehe Anm. 2) hat sich mit den Nazis arrangiert und dankt den Nazis sogar für ihre Belebung des Deutschtums! Erst 1945 wird Niemöller von amerikanischen Truppen befreit.

„Was wäre passiert, wenn …?“

Im Jänner 1946 treffen sich Repräsentanten der „Bekennen­den Kirche“ in Frankfurt, um ihre Neugründung zu diskutie­ren. Niemöller steigt wieder auf die Kanzel um zu predigen, aber dieses Mal hat seine Rede einen ganz anderen Charak­ter. Erst spricht er über die Überlegungen, mit denen er, wie auch viele andere sein Zögern Widerstand zu leisten, zu rechtfertigen versuchte: Hitler ging gegen die Kommunisten vor, aber waren sie nicht Atheisten und Ungläubige? Er ging gegen Behinderte und Kranke vor (siehe Anm. 3), aber waren sie nicht eine Belastung? Er ging gegen die Juden vor, das war zwar bedauerlich, aber die Juden waren doch keine Christen! Und die besetzten Länder, eine Schande, aber immerhin, es war nicht Deutschland! Aber keine dieser Überlegungen hält vor dem Gewissen stand: „Wir können uns nicht ausnehmen, auch nicht mit der Ausrede, es hätte mich doch meinen Kopf kosten können, wenn ich gesprochen hätte!“ bestand er, und: „Wir zogen es vor zu schweigen. Deshalb sind wir mitschul­dig und ich frage mich immer wieder, was wäre passiert, wenn im Jahr 1933 und 1934, 14.000 protestantische Pasto­ren und alle protestantischen Gemeinden in Deutschland die Wahrheit mit ihrem Leben verteidigt hätten. Wenn wir gesagt hätten: ‚Es ist unrecht, dass Hermann Göring 100.000 Kom­munisten in Konzentrationslager gesteckt hat, um sie sterben zu lassen’. Vielleicht wären 30.000 bis 40.000 von ihnen getötet worden, aber wir hätten 30 bis 40 Millionen Men­schenleben retten können!“

Als die Nazis die Kommunisten holten,  habe ich geschwiegen …“

Dass Niemöller sein berühmt gewordenes Gedicht niemals aufgeschrieben hatte, sondern nur mündlich vortrug, erlaubte allen möglichen Kräften, es zu verändern und zu fälschen. So wurde im US-Holocaust Museum die erste Zeile, die die Kommunisten betrifft, einfach gelöscht, obwohl Niemöller fast immer mit dieser Zeile begonnen hatte. Damit wird aber der ganze Sinn des Spruches verfälscht. Die deutschen Kommunisten stellten damals – ermutigt durch den Sieg der Revolution in der Sowjetunion – die entschlossenste Oppo­sition gegen Hitler dar und gehörten deshalb auch zu den ersten, die von den Nazis gnadenlos verfolgt wurden.

Niemöller hörte nicht mehr auf, Ungerechtigkeit und Unter­drückung zu kritisieren. Er wurde ein leidenschaftlicher Gegner des imperialistischen Krieges, vor allem gegen die nukleare Aufrüstung. 1965 besuchte er Nord-Vietnam und traf Ho Chi Minh. Dass er zu dieser Zeit Vorsitzender des Ökumenischen Rats der Kirchen war, gab ihm eine große moralische Autorität und verursachte der US-Regierung großen Ärger. An seinem neunzigsten Geburtstag sprach er über seine Wandlung von einem Reaktionär zu einem „Revolutionär“, wie er sich selbst nannte und fügte ironisch hinzu: „Wenn ich 100 Jahre alt werde, werde ich vielleicht noch Anarchist!“

Die Geschichte von Pastor Niemöller ist nicht die Geschichte eines Helden. Erst durch die bittere Erfahrung hat er erkannt, dass man sich durch Angst und Anpassung nicht retten kann, sondern damit den Verfolgern Macht gibt. Er war bereit, seine Fehler zu erkennen und zuzugeben und seine Denkweise grundlegend zu ändern. Wo finden wir Martin Niemöller heute? Gerade in der heutigen Zeit benötigen wir Menschen wie ihn wieder dringend.


„Wo liegt eigentlich der Punkt, an dem man widerstehen muss, wenn man nicht die Freiheit hoffnungslos preis­geben will? [...] Diese Frage lässt sich mit einem Wort beant­worten. Dieses eine Wort heißt Verantwortung im Sinne letzter persönlicher Verantwortung. Wo die persön­liche Ver­antwortung negiert und dahinten gelassen wird, gibt es keine Freiheit mehr. [...] Verantwortung, das meint, dass ich mit meinen Ohren und mit meiner Seele einen Ruf höre, der an mich ganz persönlich ergeht, und dass ich ganz per­sönlich auf diesen Ruf antworte. [...] Und wir wissen, was aus dieser Verantwortung bei uns gewor­den, nein, gemacht worden ist. Ich hab's ja in meiner Praxis erlebt, was man so nennt anständige Leute unter den Wachmannschaften der SS im KZ, Leute, die da ganz gern einmal hie und da von ihrem Zigarettenüberschuss ihren Gefangenen abgaben, und für die doch die Frage nicht mehr hörbar war, auf die sie persönlich hätten antworten müssen, denen es nichts mehr machte, ob sie den Gefangenen, dem sie morgens eine Zigarette gegeben hatten in animalischer Gutmütigkeit, am selben Nach­mittag am Galgen aufknüpften. Denn der Mensch war keine Frage mehr an sie. Die Fragen waren ja alle gelöst. Eine persönliche Antwort brauchten sie nicht mehr zu geben. Denn die Antwort war vorweg genommen durch eine andere freiwillig übernommene Autorität, oder sagen wir es in aller Deutlichkeit: in einer freiwillig über­nomme­nen Knechtschaft, und zwar in einer Knechtschaft, die keine Hoffnung auf Freiheit irgendwo mehr ließ."

„Als ich vor einem Jahr aus der Gefangenschaft heimkehrte, habe ich dieses Spiel mitgespielt. Ich kam nach Hause, eigentlich nach den Nöten der allerletzten Wochen und den vielen Enttäuschungen mit sehr viel gutem Gewissen bela­den. Ich hatte in meiner Tasche den Ausweis, dass ich vom 1. Juli 1937 bis 24. Juni 1945 als politischer Häftling und persönlicher Gefangener des Führers meiner Freiheit beraubt gewesen sei. Wer will mir denn eigentlich nachwei­sen, dass die Schuld, die jetzt von meinem Volk eingefor­dert wird, mich irgendetwas angeht? Schon stand ich in der Reihe und gab das Paket weiter. Ich habe das eine ganze Weile gemacht, kein schönes Spiel, aber ein notwendiges Spiel. Denn wenn man das Paket behält, es verbrennt einem nur die Finger! Und dann ist mir eines Tages etwas widerfahren. Ich bin eines Tages mit meinem Auto in der Nähe von Dachau vorbeigefahren. Meine Frau war dabei und sagte: "Könnte ich nicht einmal die Zelle sehen, wo du in den letzten vier Jahren gesessen hast?" [...]

Da geschah etwas. Ich stand mit meiner Frau vor dem Krematorium in Dachau, und an einem Baum vor diesem Gebäude hing ein weiß gestrichenes Kistenbrett mit einer schwarzen Inschrift. Diese Inschrift war ein letzter Gruß der Dachauer Häftlinge, die in Dachau zurückgeblieben sind und am Ende dort von den Amerikanern angetroffen und später befreit wurden. [...] und dort stand zu lesen: "Hier wurden in den Jahren 1933-1945 238 756 Menschen verbrannt". [...] Da stand: "1933-1945"! Mensch, wo bist du gewesen? Ja, ich weiß, Mitte 1937 bis zum Ende hast du dein Alibi. Hier, du wirst gefragt: "Wo warst du 1933 bis zum 1. Juli 1937?" Und ich konnte dieser Frage nicht mehr ausweichen. 1933 war ich ein freier Mann. 1933 - in dem Augenblick, dort im Krematoriumshof fiel es mir ein - ja 1933, richtig: Hermann Göring rühmte sich öffentlich, dass die kommunistische Gefahr beseitigt ist. Denn alle Kommunisten, die noch nicht um ihrer Verbrechen willen hinter Schloss und Riegel sitzen, sitzen nun hinter dem Stacheldraht der neu gegründeten Konzentrationslager“.

 

Korrekturen und Anmerkungen von G. R.:

(1) So sehr man sich wünschte, dass Niemöller „die Juden“ im Zitat hatte, ist leider! nicht davon auszugehen. Siehe seine Rede übers Zitat, (zitiert von Prof. Martin Stöhr in“…habe ich geschwiegen“ vom 10.10.2011 bei www.martin-niemoeller-stiftung.de)

(2) Hier verwechselt der Autor wohl die Bekennende Kirche mit den hitlertreuen sog. "Deutschen Christen".

(3) Gibt es einen Beleg, dass Niemöller das so formulierte?

Die Redaktion bedankt sich für die Hinweise.

erschienen in: Talktogether Nr. 11/2005