Maryam Mursal: Portait der somalischen Sängerin PDF Drucken E-Mail

 Portrait: Maryam Mursal Isse


Die Sängerin Maryam Mursal war als bereits als Teenager ein Star, dann Somalias erste weibliche Taxi- und LKW-Fahrerin, schließlich kam sie als Flüchtling nach Europa und wurde als Künstlerin wieder entdeckt.

Die Lebensgeschichte von Maryam Mursal wäre kaum zu glauben, wäre sie nicht wahr. Maryam Mursal zählt zweifellos zu den außergewöhnlichsten Persönlichkeiten aus Somalia. Talk Together hat sie in Dä­nemark besucht, wo sie seit dem Ausbruch des Krieges in ihrem Heimatland lebt.

Maryam ist eine Künstlerin, die ihr Land und die Menschen liebt. Maryam hat bereits mit 14 Jahren angefangen in Tanzlokalen aufzutreten. Die ersten Lebensjahre hatte sie bei ihrem wohlhabenden Vater in Gaalkacyo gelebt, doch mit sechs Jahren holte sie ihre Mutter zu ihr nach Mogadischo, wo sie zur Schule ging. Ihre Mutter war in zweiter Ehe mit einem Koch verheiratet. Die Familie war arm und Maryam die älteste Tochter, Söhne gab es keine. Um die Familie zu unterstützen übernahm sie sehr bald Verantwortung und begann zu arbeiten: Sie arbeitete in Haushalten, erzeugte Bonbon und backte Brot.

„Eines Tages, als ich durch die Straßen ging, hörte ich Musik. Ich war sofort fasziniert und sah nach, woher diese Musik kam“, erzählt sie. Sie wusste nicht, dass es sich um berühmte Künstler handelte, die probten. „Sie riefen mich und fragten, ob ich zu ihrer Musik singen könne. Ich versuchte es und sie sagten, ich hätte eine gute Stimme. Ich begann mit ihnen regelmäßig zu proben und sie brachten mir ein paar Lieder bei. Damit trat ich dann in Tanzlokalen in den Hotels auf, wo ich sang und tanzte.“ Dort sah sie ein Minister, der von ihrem Gesang so angetan war, dass er die junge talentierte Sängerin in sein Büro bitten ließ. „Ich war damals 16 Jahre alt, ich war schlank und konnte tanzen wie eine Schlange“. Damals waren Tänze wie „Rock and Roll“, „Cha Cha Cha“ und „Bossa Nova“ modern. Nach einer Aufnahmeprüfung wurde sie als Sängerin anerkannt, staatlich gefördert und brachte ihre erste Single heraus.

Dann wurde sie eingeladen, mit einer Künstlergruppe auf Tournee durch Somalia zu gehen. Sie wusste, ihre Mutter würde nicht einverstanden sein, dass sie allein verreiste. Sie war schon nicht glücklich über die Auftritte ihrer Tochter in den Lokalen, aber akzeptierte sie. Somalia ist ein islamisches Land und dass ein junges Mädchen allein verreist, war dann doch zu viel. Heimlich packte sie ihre Koffer. Als sie die Mutter jedoch dabei erwischte, drohte diese: „Wenn du wegfährst, bringe ich dich um“ und sperrte sie in ihrem Zimmer ein. Alle Nachbarn liefen zusammen und versuchten die Mutter zu besänftigen. Sie willigte daraufhin ein, ihre Tochter nicht zu schlagen, wenn sie versprach, nicht nach Hargeysa zu fahren. Doch mit den Liedern, die sie gelernt hatte, ging sie zum Radio. So wurde sie bekannt und landete ihren ersten Hit „Indho Caashaq“. Bisher gab es Sängerinnen, die traditionelle Musik sangen. Doch Maryam war die erste, die den neuen Stil, den neuen Beat sang, der damals entstanden war, den „Somali Jazz“ - eine Mischung aus orientalischen, afrikanischen und modernen Elementen. In ihren Liedertexten brach sie mutig mit der Tradition, dass Frauen nicht offen über ihre Gefühle sprechen dürfen.

Ihre ersten musikalischen Erfahrungen machte Maryam als Mitglied von Waaberi, einer nationalen Künstler­gruppe. Maryams Karriere begann und sie wurde ein Star. 1967 flog sie mit einer Delegation nach China, wo sie auch Lieder in chinesischer Sprache vortrug (die sie uns vorsang) und Chou Enlai traf. 1968 trat sie in Bul­garien bei einem internationalen Festival auf, wo sie zur besten Sängerin gewählt wurde, 1969 wurde sie im Sudan zur besten Jazz-Sängerin gekürt. Die somalische Gesellschaft befand sich in dieser Zeit im Aufbruch. Es war die Zeit nach der Erlangung der Unabhängigkeit und der anschließende Beginn der Regierung von Siyad Barre. Täglich fanden neue Entwicklungen statt. Frauen standen bis dahin nicht vorstellbare Möglichkeiten offen. Maryam trat auch in Theaterstücken auf. Diese dienten zur Aufklärung und hatten belehrende Inhalte über sozi­ale Probleme. In einem Stück spielte Maryam ein junges naives Mädchen vom Land, das in die Stadt kommt und von einem Mann, der ihr die Ehe versprach, dann als Schwangere sitzen gelassen wurde. In einem anderen Stück, in dem drei Männer und drei Frauen verschiedene Rollen übernommen hatten und über die Gesellschaft und ihre Wünsche diskutierten, spielte sie die Rolle einer Frau, die einen Mann sucht, der ihr Luxus und Vergnü­gen bieten könne, das aber später bereut, erzählt uns eine Freundin, die ein großer Fan von Maryam war und damals alle ihre Konzerte besucht hatte.

Doch dann verliebte sich der Sänger Ahmed Ali Igal in Maryam. Er stammte aus einem der dominierenden Clans, sie aber aus einer Minderheit mit niedrigem sozi­alen Status, die in Somalia Diskriminierung ausgesetzt ist. Seine Familie und sein ganzer Clan stellten sich ge­gen ihn und gegen diese Heirat. Vor ihrer Hochzeit war ihr dies nicht bewusst gewesen, doch dann machte sie diese bittere Erfahrung. Zwei Söhne ent­stammen aus dieser Ehe, Kun-Ciil, was sinngemäß bedeutet: „der Tausende zornig macht“ und Keenadiid „Der keine Steuerung akzeptiert“! Doch später nahmen die Prob­leme überhand und die Verbindung zerbrach. Heute ist sie mit Koofi verheiratet, der Professor war und wie sie aus einer diskriminierten Gruppe entstammt.

Die Midgan - so wird die soziale Gruppe genannt, der Maryam entstammt - arbeiten traditio­nell in handwerkli­chen Berufen wie Schuster oder Fri­seur, leisten aber auch wichtige Arbeit als Naturheiler oder als Hebammen. Es gibt auch andere Gruppen wie die Tumaal, die Schmie­ de, die Yibro, die ihren Ursprung aus Israel zurückführen und die Jareer, die Ackerbauern aus dem Süden, die von den Angehörigen der herrschenden Clans diskriminiert werden. Denn die herrschende Gesellschaft setzt sich ursprünglich aus Nomaden zusammen und die Nomadengesellschaft verachtete die körperliche Arbeit.

Maryam erzählte uns, dass die Midgan aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung sogar eine eigene Sprache entwickelt haben, die niemand außer ihnen ver­steht. Auf die Frage, ob sie schon mal ein Lied in dieser Sprache gesungen hätte, antwortete sie: „Nein, denn es ist wichtig, dass alle Leute den Text verstehen. Aber wenn ich einen Midgan im Publikum sehe, spreche ich ihn in unserer Sprache an“. Aufgrund ihrer Beliebtheit war es ihr möglich auszusprechen, worüber andere nicht zu reden wagen. Sie war immer stolz auf ihre Herkunft „Wir können ohne sie leben, aber sie nicht ohne uns!“ und erzählte uns eine kleine Anekdote, in der sich Midgans über die Unwissenheit der anderen lustig machen: „Jemand brachte seine Schuhe zur Reparatur zum Schuster. Der steckte ein paar Nägel in ein Wasser­glas. Nach ein paar Stunden kam der Kunde zurück und fragte, ob seine Schuhe fertig seien. Doch der Schuster antwortete: ‚Ich konnte noch nicht anfangen, die Nägel sind noch nicht weich!’“ Ihre Herkunft hat ihr das Selbst­bewusstsein gegeben, ihr Leben aus eigener Kraft zu meistern. „Andere Flüchtlinge kommen aus privilegierten Familien und sind heute Sozialhilfeempfänger, ich habe das nie gebraucht, ich konnte mich und meine Kinder immer mit meiner eigenen Arbeit ernähren!“, meint sie stolz.

Doch als ihr Lied "Ulimada (Wissenschaftler der Welt)" herauskam, änderte sich alles. Der Text des Liedes handelt von den drei Qualen der Menschheit. Gegen die ersten beiden, Armut und Unwissenheit, könne man etwas tun, aber gegen die dritte – die Liebe könnten alle Wissenschaftler der Welt kein Mittel finden. Doch der damalige Präsident Siyad Barre, der durch einen Militärputsch an die Machte gekommen war, fasste dies aber als Kritik an seiner Person auf. Denn vor ihm gab es zwei Präsidenten, der erste wurde abgewählt, der zweite ermordet, er war also der dritte. Siyad Barre bezeichnete sich zwar als Sozialist, herrschte aber als Diktator und ließ alle Gegner und Kritiker ermorden. Auch wenn sie nicht mal selbst den Text des Liedes geschrieben hatte, wurde ihr von der Regierung verboten, weiter als Sängerin zu arbeiten. Nicht genug, um ihrem Ruf zu schaden, verbreitete man auch noch das Gerücht, dass sie in einem Pornofilm mitgespielt hätte. Maryam Mursal war gezwungen, vorübergehend ihre musikalische Karriere aufzugeben, doch sie gab nicht auf. „Meinen Kindern wird nichts abgehen“, schwor sie und arbeitete vormittags als Taxifahrerin und transportierte am Abend Baumaterial mit einem LKW.

Obwohl sie später von Siyad Barre persönlich gerufen und gebeten wurde, weiter zu arbeiten, musste sie bald danach aus Somalia fliehen. Nach dem Sturz des Diktators brachen blutige Machtkämpfe zwischen den Clanchefs aus. Maryam hatte ihre beiden ältesten Söhne bereits nach England geschickt. Zwei Jahre später, als ihr Vater ermordet worden war, beschloss sie, mit den anderen Kindern aus ihrer zweiten Ehe auch selbst das Land zu verlassen. Die Flucht dauerte sieben Monate: Nach einem Auftenthalt in einem Flüchtlingslager in Kenya, floh sie weiter nach Äthiopien und Djibouti, schließlich landete sie in Dänemark, wo sie als Flüchtling anerkannt wurde.

1992 wurde sie von Soren Kjoer Jensen, einem Photogra­phen entdeckt, als sie für eine Gruppe von anderen Flüchtlingen das Lied „Qaxa (die Flucht)“ sang. Die Leute waren tief berührt und weinten. Jensen war beeindruckt von ihrer Ausdruckskraft und fragte sie, ob sie mit ihm gemeinsam etwas produzieren wolle. Zwei Jahre später, unterschrieb sie einen Vertrage beim Record Label "Real World" von Peter Gabriel, der von ihrer Anmut und ihrer außerordentlich kraftvollen Stimme beeindruckt war, und brachte zwei CDs „The Journey“ und „Waaberi – New Dawn“ heraus.

Als wir bei ihr waren, bereitete sich Maryam vor, nach England, wo ihre Kinder heute leben, zu übersiedeln. Der Abschied von Dänemark fällt ihr schwer, sagte sie, denn das Land sei für sie eine zweite Heimat geworden. In ihrer Wohnung in einem Vorort von Arhus, einem Stadtteil wo vor allem Flüchtlinge leben, wird sie von den jungen Leuten besucht und wie eine Mutter respek­tiert. Ganz herzlich lässt Maryam ihre somalischen Landsleute und alle Menschen, die sie kennen und mögen grüßen. Das schönste, was sie sich vorstellen könnte wäre, dass alle Menschen in Freiheit, Gleichbe­rechtigung und Frieden zusammenleben können. Denn, so ist ihre Meinung: „Wir stammen alle von Adam und Eva, deshalb sind wir alle Brüder und Schwestern"


Musik: http://www.mp3.com/maryam-mursal/artists/262352/summary.html

erschienen in: Talktogether Nr. 9/2004