Flüchtlingstod im Mittelmeer PDF Drucken E-Mail

 

Überfahrt in den Tod


Es ist Weihnachten im Jahr 1996 in Porto Palo, einem kleinen Dorf, das inmitten einer kargen Landschaft an der südlichsten Ecke Siziliens liegt. Während die Dorf­be­wohner in ihren Häusern fei­ern, findet im Mittelmeer, nur wenige Kilometer vom Dorf ent­fernt, die größte Schiffs­katastrophe der Nach­kriegszeit statt. Obwohl ein Sturm tobt, will die Besatzung auf dem Motor­schiff Yohan in der unruhigen See ihre Fracht loswerden: 465 Flüchtlinge aus Indien, Sri Lanka und Pakistan. Ein paar See­meilen vor der sizilianischen Küste werden die Flüchtlinge gezwun­gen, um zwei Uhr morgens in ein kleines Beiboot zu steigen. Das Holz­boot kracht gegen das Schiff, schlägt leck und sinkt. 283 Menschen sterben in dieser Nacht, ohne dass auch nur der Versuch gemacht wird, sie zu retten.

Die Menschen sind geflohen vor Bür­gerkrieg, politischer Verfolgung oder um dem erdrückenden Elend zu entkommen. Die Familie und die Verwandtschaft haben ihre gesamten Ersparnisse zusammengelegt, um die Überfahrt zu bezahlen in der Hoffnung, dass es ein Famili­enmitglied schafft, ins reiche Europa zu gelangen. Auf die Frage, ob er sich nicht am Tod dieser Menschen mitschuldig fühle, antwortete ein Matrose, der auf der „Yohan“ gearbeitet hatte: „Wir haben uns daran gewöhnt. Waffen­schmuggel oder Menschenschmuggel, andere Aufträge bekommen wir ja nicht!“

Das Wrack des Holzboots liegt immer noch in 100 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund. Von den Toten der Schiffs­katastrophe wollte niemand etwas wissen, die Katastrophe wurde jahrelang verleugnet. Obwohl jeder in Porto Palo Bescheid wusste. Schließlich holten die Fischer mit ihren Netzen noch Jahre später Leichen und Reste von Körpern aus dem Meer. Nur einer brach das Schweigen: Der Fischer Salvatore Lupo. Er ging an die Öffentlichkeit. Deshalb wurde er von der Dorfbevölkerung ausgestoßen. Keiner kaufte mehr seine Fische, niemand wollte mit seiner Familie etwas zu tun haben.

Ein Einzelfall? Keineswegs. Seit der Abschottungspolitik der EU gegen die Flüchtlinge haben sich solche Katastrophen unzählige Male wiederholt. An den Stränden italienischer Mittelmeerinseln wie Lampedusa werden ständig Leichen angeschwemmt und die Fischer haben sich daran gewöhnt, Menschenknochen in ihren Netzen zu finden. Die Meerenge zwischen Afrika und Sizilien hat sich in einen gewaltigen Friedhof verwandelt, die Schiffsunglücke – manchmal vor den Augen von Marinesoldaten, die zusehen ohne Hilfe zu leisten - sind mittlerweile kaum noch eine Nach­richtenmeldung wert.

Die Maßnahmen der EU zur Flücht­lingsabwehr haben zu einer regelrech­ten Militarisierung des Mittelmeers geführt. Seither kann die Marine Flüchtlingsboote mit militärischen Mitteln zur Rückkehr zwingen. Das hat dazu geführt, dass die Flüchtlinge ver­suchen, in kleinen Booten unbemerkt die Überfahrt zu wagen. Diese sind aber sehr unsicher und deshalb enden diese Reisen immer häufiger mit dem Tod.

Aber auch an den lebenden Ankömm­lingen zeigen die Behörden wenig Inter­esse, zumindest nicht an solchen ohne Urlaubsbuchung. Sie werden in stachel­drahtumzäunte Betonareale gepfercht, wo sie auf ihre Abschiebung warten. Flüchtlings­organisa­tionen, denen nur selten ein Besuch erlaubt wird, berichten von Überbelegung, unhaltbaren hygienischen Zuständen, mangelnder medi­zinischer Versorgung und der Verweige­rung von Rechtsbeihilfe. Selbstmordversuche und Hunger­streiks bleiben aufgrund der Isolierung der Gefangenen meist die einzige Möglichkeit des Protests. Zudem sind die Flüchtlinge oft Einschüchterungsmaßnahmen ausgesetzt. Asylsuchende werden oft mit Mitarbeitern der Konsulate ihrer Heimat­länder konfrontiert. Bei einer Abschiebung könnte dies zu verstärkter Repression führen. Der größte Teil der abgelehnten Asylwerber landet aber auf der Straße. Viele dieser Menschen werden zur Beute  von skrupellosen Obst- und Gemüseplantagenbetreibern, die ihre rechtlose Lage ausnützen. Der Staat drückt dabei ein Auge zu - im Interesse der Wirtschaft. Schließlich bedeutet die Beschäftigung ille­galisierter ArbeiterInnen einen Druck auf die Arbeitslöhne und begünstigt den Abbau von Arbeiterrechten.

Immer mehr Menschen aus den armen Ländern des Südens sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und sehen trotz der Gefahren keine andere Überlebenschance, als die Reise in die Zentren des Wohlstands zu versuchen. Die Ursache liegt im System des globalen Kapitalismus, einem System, in dem die Konzernherren wie moderne Raubritter und die Regierungen wie allmächtige Feudalherren herrschen können und die Armen und Machtlosen dieser Welt in den Tod führt. Solange dieses System besteht, wird es weiter Jahr für Jahr Krieg, Hunger und Unterdrückung geben. Die Geschichte hat gezeigt, dass kein System auf Dauer existiert. Wohin wird dieses System Euch, ihr heute Mächtigen der Welt, führen?

Quellen: Marc Wiese: Flucht in den Tod: Das Meer, das Dorf und das Schweigen. WDR 2.2.2004, Julian Poluda: Totes Meer, Jungle World 17.12.2003

erschienen in: Talktogether Nr. 8/2004