Der Aufstand im Warschauer Ghetto PDF Drucken E-Mail

‚ÄěEs ging darum, sich nicht abschlachten zu lassen,

wenn sie kamen, uns zu holen. Es ging

um die Art zu sterben“

(Marek Edelmann)

Zu Beginn des Jahres 1941 lebten in War¬≠schau √ľber 300.000 Juden, das damit nach New York die zweitgr√∂√üte j√ľdische Gemeinde der Welt war. Bis Ende September 1943 war sie vernichtet und die Mehrheit seiner Einwohner von den Nazi-Schl√§chtern umgebracht worden. Es war das Ende einer Gemeinschaft, die Jahrhunderte lang existiert hatte. Doch die Menschen im Ghetto lie√üen sich nicht ohne Widerstand vernichten. Auch wenn es in jedem Ghetto Widerstandsk√§mpfer gegeben hatte und zahlreiche Juden und J√ľdinnen bei den Partisanen gegen den Hitlerfaschismus gek√§mpft hatten, war der heldenhafte Aufstand im Warschauer Ghetto aufgrund seines Ausma√ües und seiner Hartn√§ckigkeit herausragend.

Der Anteil der j√ľdischen Bev√∂lkerung in Warschau machte im Jahr 1914 38% aus. W√§hrend der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren verst√§rkte sich ‚Äď wie √ľberall in Europa ‚Äď auch bei Teilen der polnischen Bev√∂lkerung der Antisemi¬≠tismus. Als Reaktion hatten sich verschiedene j√ľdische Organisationen gebildet ‚Äď zionistische und sozialistische. Als der deutsche Imperialismus am 1. Semptember 1939 den √úberfall auf Polen begann, konnten diese allerdings nur hilflos zusehen. Die deutschen Besatzer fanden die j√ľdische Gemeinde in einem Zustand der Aufl√∂sung vor. Fast die ganze Oberschicht hatte die polnische Hauptstadt verlassen, zur√ľck blieben nur Teile des Kleinb√ľrgertums und des Pro¬≠letariats. Allein der F√ľhrer des ‚ÄěBundes‚Äú ‚Äď einer j√ľdisch-sozialistischen Organisation ‚Äď Abrasza Blum war freiwillig in Warschau geblieben.

Auch vor der Abriegelung des Ghettos im November 1940 wurde die j√ľdische Bev√∂lkerung durch zahlreiche repressive Ma√ünahmen unterdr√ľckt: j√ľdisches Eigentum wurde beschlagnahmt, keinem Juden und keiner J√ľdin wurde erlaubt mehr als 500 Zloty zu verdienen und kollektive Strafen f√ľr die Nichtbefolgung der Terrorgesetze verh√§ngt. So wurden im November 1939 53 M√§nner aus einem Wohnblock erschossen, weil ein Mieter einen Polizisten verpr√ľgelt hatte. Dabei setzten die Nazis auf Kollaborateure. F√ľr das Versprechen auf bessere Behandlung arbeiteten manche als Handlanger f√ľr die Nazis - als Polizisten oder in dem von ihnen eingesetzten ‚ÄěJudenrat‚Äú.

Im M√§rz 1940 fanden brutale antisemitische Pogrome statt, die von polnischen Jugendlichen ver√ľbt wurden, die daf√ľr 4 Zloty pro Tag erhielten. Drei Tage w√ľtenden sie ungehindert, doch am vierten Tag hatte der ‚ÄěBund‚Äú eine Gegenwehr organisiert. Doch viele andere Gruppen beteiligten sich aus Angst vor Repressionen nicht. Im November 1940 riegelten die Nazis das Ghetto mit Mauern und Stacheldraht ab. Die Bedingungen verschlechterten sich dramatisch. Die Anzahl der eingepferchten Menschen war extrem konzen¬≠triert, der Hunger forderte seinen Tribut und Krankheiten und Seuchen verbrei¬≠teten sich in der unterern√§hrten Bev√∂lke¬≠rung. Die Nazis hielten Lebensmittel und Medikamente zur√ľck und die monatliche Sterberate erreichte bald 6000.

Trotz diesen schrecklichen Bedingungen bewies die Gemeinde ihren Willen zu √úberleben. Eine Armee von Schmugglern riskierte jede Nacht ihr Leben um Nahrungsmittel herein zu schaffen. Frauen spielten dabei eine besonders wichtige Rolle, da sie nicht so leicht als J√ľdinnen zu erkennen waren als die meist beschnittenen M√§nner. Schulen wurden gegr√ľndet, H√§user notd√ľrftig repariert und Suppenk√ľchen f√ľr die Hungernden eingerichtet. Die Mehrheit konzentrierte sich allerdings aufs eigene √úberleben.

"Dieses 'Leben' wird von jedem auf seine Art, je nach seinen Umst√§nden und seinen M√∂glichkeiten aufgefasst. Es bedeutet Wohlstand f√ľr diejenigen, die schon vor dem Krieg reich waren, Ausschweifung und √úberfluss f√ľr verschiedene degenerierte Gestapo-Agenten und demoralisierte Schmuggler; f√ľr die gro√üe Masse der Arbeiter und Arbeitslosen ist es hungerndes Dahinvegetieren mit der Suppe aus der Volks¬≠k√ľche und dem rationierten Brot", schreibt der √ľberlebende K√§mpfer Marek Edelman in seinem Buch: ‚ÄěDas Ghetto k√§mpft‚Äú.

Im Jahr 1942 wurde dem Judenrat mitgeteilt, dass alle, die nicht f√§hig waren, lange und extrem schwere Arbeit durchzustehen, ins Konzentrationslager Treblinka abtrans¬≠portiert w√ľrden. Die Menschen wurden von der SS und ukrainischen Hilfstruppen in die Eisenbahnwaggons gepr√ľgelt. Nach zahlreichen weiteren Deportationen verblieben bis September 1942 nur mehr 60.000 Juden und J√ľdinnen ‚Äď junge, arbeitsf√§hige aber auch kampff√§hige Menschen ‚Äď im Ghetto. Im Oktober endlich wurde die j√ľdische Kampforganisation Zydowska Organizacja Bojawa (ZOB) gegr√ľndet.

Das gr√∂√üte Problem f√ľr die Widerstandsk√§mpfer war, an Waffen zu kommen. Am Anfang hatte die ZOB blo√ü zehn Pistolen und acht Handgranaten, die sie von der polnischen Kommunistischen Partei, die aber selbst sehr schwach war, bekommen hatte. Der nationalistische Widerstand erwies sich nicht als sehr hilfsbereit, Waffen wurden nur gegen Geld geliefert und waren oft in miserablen Zustand. Trotzdem erm√∂glichten diese Waffen der ZOB bereits f√ľr den 22. J√§nner 1943 die erste gro√üe Aktion vorzubereiten. Doch bevor sie handeln konnten wurde das Ghetto am 12. J√§nner umstellt. Aber dieses Mal stie√üen die Nazis auf Widerstand und es entbrannte ein harter Kampf, bei dem die ZOB ihre besten Einheiten verlor.

Trotz der Niederlage und der gro√üen Verluste war das Ghetto elektrisiert durch diesen Widerstand. Die Menschen rissen sich nun um die Teilnahme an der ZOB, die sich nun verst√§rkt auf die Anwendung von Partisanentechniken vorbereitete. Ihre Handlungen inspirierten jetzt auch den polni¬≠schen Untergrund, der die ZOB nun rasch mit Pistolen und Handgranaten versorgte. J√ľdische Kollaborateure wurden verjagt und die Nazis erkannten, dass der einzige Weg, mit den verbliebenen Juden fertig zu werden, der Kampf sein w√ľrde.

Die letzte Aktion der Nazis begann am 18. April. Das Vorhaben war, Warschau bis zum 20. April (Hitlers Geburtstag) ‚Äějudenfrei‚Äú zu pr√§sentieren. In der Nacht vom 18. zum 19. April umstellten sie das Ghetto mit Maschinen¬≠gewehren und einer Kette polnischer Polizisten. Doch die sp√§rlich bewaffnete Ghettobev√∂lkerung ging mit Molotow-Cocktails, √Ąxten, Messern und blo√üen F√§usten gegen meh¬≠rere Abteilungen der Wehrmacht und der Sicherheitspolizei vor. Emanuel Ringelblum, der Archivar des Ghettos, beschrieb die Stimmung: ‚ÄěWir werden untergehen, aber die grausamen Eindringlinge werden mit ihrem Blut f√ľr unseren Tod bezahlen‚Äú. Tats√§chlich fachte der Kampf des Ghettos den Widerstand √ľber Polen hinaus an. Auch in Frankreich und Belgien inspirierte ihr heldenm√ľtiger Kampf die Widerstandsk√§mpfer im Untergrund. Im Juni und Juli 1943 hatte sich dort die Anzahl der Aktiven in den bewaffneten Widerstandsgruppen verdoppelt.

Im Mai kam das Ende f√ľr den Widerstand im Warschauer Ghetto. Das Hauptquartier der ZOB wurde am 8. Mai 1943 umzingelt. Kaum mehr als 120 K√§mpfer waren √ľbrig geblie¬≠ben und hatten sich im Geb√§ude verbunkert. Doch selbst nach einem zweist√ľndigen Kampf gelang es den Faschisten nicht, ihre Stellung einzunehmen. Niemand wollte sich lebend ergeben. Einer Handvoll gelang die Flucht durch die Abw√§sserkan√§le. Die heroischen K√§mpfer/innen der ZOB zeigten, dass es selbst unter den schlimmsten Bedingungen, selbst im Angesicht des Todes besser ist, sich zu vereinigen und zu k√§mpfen, in W√ľrde zu sterben, als sich wider¬≠standslos abschlachten zu lassen. Marek Edelman beschlie√üt sein Buch mit den Worten:

"Am 10. Mai 1943 ist das erste Kapitel der blutigen Geschichte der Warschauer Juden, das erste Kapitel unserer Geschichte abgeschlossen. Das Gebiet, auf dem sich fr√ľher das Ghetto befand, wird zu einem Tr√ľmmerberg, der zwei Stockwerke hoch ist. Diejenigen, die gefallen sind, haben ihre Aufgabe bis zum Ende, bis zum letzten Tropfen Blut erf√ľllt, das im Pflaster des Warschauer Ghettos versickert ist. Wir, die √ľberlebt haben, √ľberlassen es Euch, dass die Erinnerung an sie nicht verloren geht."

Quellen: Marek Edelmann: ‚ÄěDas Ghetto k√§mpft‚Äú (1993), Julia Masetovic: ‚ÄěDurch den Rauch des Ghettos‚Äú, 18.11.2002

erschienen in: Talktogether Nr. 8/2004