Somalia: 44 Jahre Unabhängigkeit PDF Drucken E-Mail

Xornimadda soomaaliya: Roob aan reys laheyn

Regen ohne Fruchtbarkeit

von Abdullahi A. Osman, Beate Wernegger, Ursula Schliesselberger

Das Leben in Somalia war einst ruhig und friedlich. Der größte Teil der Bevölkerung lebte als Nomaden, kleinere Gruppen waren sesshafte Bauern, die das fruchtbare Ackerland bebauten. Der Rest waren Städter und Fischer. Die Somalier hatten ihre eigenen Regeln und Gesetze, für deren Einhaltung ein Rat, auf somalisch genannt Xeer Beeg, zuständig war und dessen Aufgabe die Regelung von Konflikten war. Der Xeer Beeg erfüllte seiner Aufgabe auf gerechte und korrekte Weise. Daher war der Frieden in Somalia stabil. Seitdem es jedoch diese Art der Rechtsordnung nicht mehr gibt, herrscht in unserem Land Ungerechtigkeit.

In Europa aber war Somalia unbekannt bis die britischen Kolonialherren von Jemen her über das Rote Meer in Nordsomalia einfielen. Danach eroberten die Italiener Süd- und Zentralsomalia. Zu diesem Zeitpunkt begann der Krieg zwischen den unbewaffneten Nomaden und den Armeen der Engländer und Italiener. Da die aus Europa kommenden Armeen Flugzeuge und sonstige Kriegsmaschinerien besaßen, dachten sie, es wäre ein leichtes, die Nomaden zu bezwingen. Es ist ihnen aber nicht gelungen, obwohl die Nomaden nur relativ ungefährliche Waffen hatten, nämlich Speere, Pfeile und ähnliches. Ein alter Mann sagte dazu: „Um uns zu kolonialisieren, zerstörten sie unsere Einheit und teilten unser Land in fünf Teile. Trotzdem ist es ihnen nicht gelungen, unsere Identität zu zerstören! Wir wollten lieber gleich sterben, als als Sklaven und Diener unterdrückt zu werden!“ Fast jeder, der damals lebte, war gegen die Kolonialherrschaft und kämpfte für die Freiheit unseres Landes.

Der Kampf gegen die Kolonialisierung war nicht nur ein Kampf mit Waffen, sondern auch ein politischer Kampf. Eine führende Rolle spielte die „Somali Youth League“ (S.Y.L.), deren Vorstand aus 13 Personen bestand. Einer von ihnen war Abdullahi Issa Mohamud. Abdullahi Issa und seine Freunde waren mit einer großen Schwierigkeit konfrontiert, sie mussten nicht nur gegen die Kolonialherrschaft kämpfen, sondern sich auch gegen die konkurrierenden Clanchefs behaupten. Sie erkannten, dass um ein unabhängiges demokratisches Land zu errichten es notwendig war, die Struktur des Clansystems aufzubrechen und eine nationale Einheit zu schaffen. Die imperialistischen Mächte erkannten diese Schwachstelle und benützen sie bis heute um ihre Interessen durchzusetzen. Ihre Ausbeutung versuchten sie damals wie heute zu rechtfertigen mit dem Argument, dass die afrikanischen Länder rückständig und unterentwickelt seien.

Abdullahi Issa zitierte in seiner Rede vor der UNO 1953 die Ausrede der Befürworter der Kolonie:„Zur beißenden Armut des Gebietes fügen wir die Tatsa­che hinzu, das 9 Zehntel seiner Bewohner unter einem Stammessystem leben, das auf Biblische Zeit zurückgeht. Es gibt nicht einen einzigen Universitätsabsolventen im gesamten Gebiet und so wird dieser Rat unseren Zweifel teilen oder zumindest verstehen. Wir glauben, dass jeder diese Zweifel heimlich hegt.“ Issa entgegnete darauf:

„Es scheint uns, dass der einzige Zweck, diese und ähnliche Argumente hervorzuheben, der ist, die Unabhängigkeit hinauszuschieben, die unser Land in ungefähr sieben Jahren erhalten soll. Darf ich hervorhe­ben, dass die gleichen Argumente immer wieder ins Spiel gebracht wurden um die Unabhängigkeit einiger Länder hinauszuzögern, die nun Mitgliedstaaten dieser Weltverei­nigung sind.“

Und nun stellt sich die Frage: Wenn Somalia so arm war, wie es bezeichnet wurde, was habe die Kolonialisten in dieser abgelegenen Gegend überhaupt gesucht? Die Wahrheit ist vielmehr, dass alle fruchtbaren Gegenden, vor allem die Obstplantagen zwischen den beiden Flüssen Juba und Sha­belle, bis zur Machtübernahme Siad Barres 1969 im Besitz von Italienern geblieben waren. Die Gesetze und das Wissen des somalischen Volkes, mit dem es vor der Kolonialisierung perfekt zurechtgekommen war, wurden von den Kolonialis­ten ignoriert, die der Bevölkerung ihre eigenen Gesetze auf­zwangen. Als die Somalier sich dagegen auflehnten, wurden sie als primitiv bezeichnet.

„Teile und herrsche“

Um Afrika zu kolonialisieren, spielten die Kolonialregimes die Bevölkerung gegeneinander aus. Sie behaupten dann, die Menschen wären unfähig, sich selbst zu regieren. Leider haben sie mit der Desorientierung ihr Ziel erricht und die zerstörerischen Auswirkungen sind bis heute schmerzlich spürbar. Das Ergebnis ihrer „Teile und herrsche“-Politik sind blutige Bürgerkriege in Somalia und anderen afrikanischen Staaten. In Voraussicht appellierte Issa an die UNO:

„Die gegenwärtige Tendenz drei getrennte Stammesstaa­ten innerhalb des Verwaltungsgebietes zu errichten (näm­lich den Dighil- und Miriflestaat, den Hawiya-Staat und den Darot-Staat) ist gleichfalls alarmierend. (…) Sollten solche Pläne durchgeführt werden, werden wir uns in der unglücklichen Lage wieder finden, einer weiteren Teilung unseres geliebten Landes zusehen zu müssen. Unser Land ist ja schon wie vorher erwähnt in fünf Teile geteilt. Anstatt diese fünf Gebiete zu vereinigen und so das legi­time Bestreben unseres Volkes zu erreichen, würde Soma­liland in acht Teile geteilt werden. Man braucht nicht zu sagen, dass die Errichtung dieser getrennten Staaten, die auf reinen Stammeslinien basieren, die Tendenz von eini­gen ignoranten Elementen ermutigen würde, die sich wün­schen, das traditionelle und feudale System zu erhalten, welches den Fortschritt unseres Landes und unseres Vol­kes für eine lange Zeit verzögert hat.“

Die Hindernisse für die Unabhängigkeit liegen nicht nur in der Verantwortung der Kolonialherren, sondern auch bei ihren Handlangern, die durch dieses ungerechte System pro­fitieren. Issa kritisierte die dafür verantwortliche Gesetzge­bung der ita­lienischen Verwaltung, die nur den Interessen der Kolonia­listen und ihrer Kollaborateure diente und völlig ungeeignet war für einen modernen demokratischen Staat. Er forderte die Ver­waltungsbehörde auf,

„die Gesetzgebung ohne weiteren Aufschub abzuschaffen und sie durch eine passende und demokratische Gesetz­gebung ersetzen. Zur selben Zeit sollte die Beiratsbehörde eingeladen werden, die absolute Unabhängigkeit der Gerichtsbarkeit zu garantieren. Die Verwaltungsbehörde sollte auch veranlasst werden ohne weiteren Aufschub das System der Gesandten, der Kommissionäre, von der Regierung bezahlten Stammeschefs usw. abzuschaffen, das vom vergangenen Kolonialregime geerbt wurde. Ein demokratischeres System, wie die Einrichtung von Stadt- und Bezirksräten, die aus qualifizierten Somalis bestehen und direkt vom Volk gewählt werden, sollte es ersetzen.“

Heute haben die Kolonialregimes Somalia verlassen, doch die Stammeschefs haben ihre Rolle eingenommen. Issa sprach weiter über die geplanten Wahlen und forderte die Abschaffung undemokratischer Bestimmungen:

„Die Verwaltungsbehörde hat verkündet, dass jetzt Pläne in Betracht gezogen werden, die Teilwahlen in städtischen Gebieten betreffen, die in einigen Zentren des Gebietes abgehalten werden sollen. Diese Pläne scheinen ziemlich kompliziert und verwirrend zu sein. Nichtsdestotrotz wäre es ein großer Schritt vorwärts, Wahlen in dem Gebiet ein­zuführen. In Absprache sowohl mit dem Beratungsrat für Somaliland und dem somalischen Volk sollte die Verwal­tungsbehörde sich zur frühest möglichen Zeit bemühen, ein vereinfachtes Wahlgesetz für die Stadträte des Gebie­tes zu unterzeichnen, als auch für alle anderen existieren­den Beratungsorgane, wie der Territoriumsrat und alle vorgeschlagenen Körperschaften. Allgemeines Wahlrecht sollte errichtet werden und Beschränkungen, die den Besitz bestimmten Eigentums oder Ausbildungsqualifika­tionen verlangen, sollten in der geplanten Wahl nicht berücksichtigt werden. Im Zusammenhang mit Wah­len möchte ich gerne die Tatsache hervorheben, dass unter den bestehenden Gesetzen des Gebietes eine Wahl­kam­pagne, welche notwendig ist für Wah­len in jedem demokratischen Land, eigentlich unmöglich ist. Der Grund dafür ist, dass es Bestimmungen gibt, dass eine Gruppe von fünf Personen oder mehr, die sich draußen auf der Strasse versammeln, ein öffentliches Ärgernis darstellen, und dass Personen, die so eine Gruppe bilden, aufgegriffen, verurteilt und gefangen genommen werden sollen.“

„Zur Zeit ist die gesetzgebenden Gewalt des Gebietes völ­lig in der Hand des Verwalters, der auch der Hauptdurch­führende der Verwaltung ist. Der Verwalter gibt Verord­nungen heraus, die eigentlich die neuen Gesetze sind, seit Somaliland vor mehr als drei Jahren unter internationale Verwaltung gestellt wurde. Die Verwaltungsbehörde sollte eingeladen werden, die Gesetzgebung ohne weitere Verzögerung an die Somalis zu transferieren, da die höchste Staatsgewalt des Gebietes seine Einwohner sind. Zur selben Zeit sollte die Verwaltungsbehörde bera­ten werden, vor dem Transfer der Gesetzgebung gute Gesetzesorgane einzusetzen, die aus qualifizierten Ele­menten bestehen und direkt vom Somalischen Volk gewählt werden sollen.“

Obwohl die Imperialisten Somalia als armes Land bezeich­neten, haben sie nicht versäumt, auch für die Zukunft ihre Interessen zu sichern. Aber sie zögerten, ihr Geld in Somalia zu investieren, wohl in der Ahnung, dass sie wieder vertrieben werden könnten:

„Ich bedaure, die Mitglieder des Verwaltungsrates daran erinnern zu müssen, dass es keinen wirtschaftlichen Gesamtplan für das Gebiet gibt, trotz der Tatsache, dass das Gebiet in den letzten drei Jahren unter Aufsicht der Vereinten Nationen gewesen ist. Wie ich früher schon erwähnte, wurde immer wieder betont, dass Somaliland ein armes Land ist. Das Land ist auch arm aus dem Grund, weil es nie richtig genutzt wurde. Die Technische Hilfs­mission der Vereinten Nationen besuchte das Gebiet 1951 und meinte, dass es große Möglichkeiten gibt, Somali­lands grundsätzliche Wirtschaft zu verbessern, nämlich die Landwirtschaft und die Tierzucht. Die Verwaltungs­behörde sollte die konstruktiven Empfehlungen in Betracht ziehen, welche die Technische Hilfsmission herausgegeben hat und keine Zeit verstreichen zu lassen den Gesamtwirtschaftsplan des Gebietes in der nahen Zukunft zu vervollständigen. Ich bedaure auch sagen zu müssen, dass das somalische Volk weder befragt noch informiert wurde über Schritte die man bezüglich wichti­ger wirtschaftlicher Fragen des Gebietes unternommen hat, wie etwa die Ölkonzessionen, die man zwei ausländi­schen privaten Firmen gegeben hat, trotz der Tatsache, dass das Auswirkungen auf die gesamte wirtschaftliche Perspektive des Landes hat. Wenn erfolgreiche Resultate von den laufenden Untersuchungen erzielt werden, sollte diese gewichtige Frage der Ölkonzession überdacht und überarbeitet werden in Übereinstimmung mit den ver­nünftigen Bestimmungen, die in Nachbarländern existie­ren. Die Gesetzmäßigkeit der Macht der Verwaltungs­behörde Mineralöl- oder andere Konzessionen über 1960 hinaus auszudehnen, sollte untersucht werden. Sowohl der Verwaltungsrat und die Generalversammlung der Vereinten Nati­onen müssen alle notwendigen Schritte unternehmen, um die Hauptinteressen der im Verwal­tungsgebiet von Somaliland beheimateten Bevölkerung zu sichern. Der Rat und die Versammlung müssen sehen, dass der neue Somalische Staat sich nicht in der unglücklichen Lage wieder findet, von seinen Rechten solche Konzessio­nen innerhalb der Gren­zen seines eigenen Gebietes einzu­räumen, beraubt zu werden. Um Missverständnisse vorzu­beugen, möchte ich bemerken, dass der Somalische Jugendverband erkennt, dass es dringend notwendig ist privates Kapitalinvestment vom Ausland einzuladen und in jeder Art zu ermutigen, um zur wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes bei­zutragen, besonders in Hinblick auf solche Unternehmen wie Ölförderung, Abbau von Bodenschätzen, Errichtung von Industrien etc. Auf der anderen Seite ist es das heilige Recht des Verbandes, als treuer Schirmherr der zahlrei­chen Interessen von Somaliland und des somalischen Vol­kes zu stehen.“

Nach zähem Kampf gelang es der S.Y.L. und ihrer nord­somalischen Schwesterorganisation, Somalia in die Unab­hängigkeit zu führen. Nordsomalia erhielt am 26.6.1960 seine Unabhängigkeit, Südsomalia am 1.7.1960 und an diesem Tag vereinigten sich Süd- und Nordsomalia. Die Erwartungen, die Issa und seine Kollegen an die UNO und den guten Willen der Imperialmächte gehabt haben, haben sich aber nicht erfüllt. Auch wenn die Kolonialisten Afrika verließen, sind die natürlichen Reichtümer noch immer nicht in den Händen der Bevölkerung. Das imperialistische Motto heißt: „Entweder wir melken die Kuh, oder keiner!“ Trotz des Reichtums des Kontinents leiden große Teile der Bevöl­kerung unter bitterer Armut. Die grausame Saat von Aus­beutung und Spaltung ist aufgegangen und das Ergebnis sind Hungersnöte und erbitterte Verteilungskämpfe, die den Kon­tinent nicht zu Ruhe kommen lassen.

Inzwischen ist Somalia 44 Jahre unabhängig. In die­sem Zeitraum hat Somalia drei Regierungen erlebt: 1960-67 unter Aaden Abdulle Osman, von 1967-69 unter Abdul­rashiid Ali Sharmarke, die beide demokratische gewählt wurden. Am 21. Oktober 1969 putschte Siad Barre und stand 21 Jahre lang einer Militärregierung vor. Barre führte einige wichtige Reformen ein, die die vorherigen Regierungen ver­absäumt hatten. Unter seiner Regierung wurde erstmals die somalische Schrift eingeführt und Somali als offizielle Spra­che anerkannt. Er ließ Straßen, Krankenhäuser und Schulen bauen. In den 1970er Jahren entwickelte er einen eigenen Weg des Sozialismus. Bis ca. 1980 entwickelte sich das Land sichtbar. Doch dann brachte Barre sein Land durch den Krieg gegen Äthiopien in immer größere Schwierigkeiten. Als sich immer mehr Opposition regte, wurde das Regime immer diktatorischer und wurde schließlich im Jänner 1991 gestürzt.

Siad Barre hinterließ Chaos und einen unendlichen Bürgerkrieg. Heute scheint es, als ob es in Somalia noch nie eine Regierung oder Republik gegeben hätte. Ebenso hat man den Eindruck, als könnten die Somalier immer noch nicht Begriffe wie Kolonie und Freiheit oder Krieg und Frieden unterscheiden. Nun stellt sich die Frage: Was hat uns die Unabhängigkeit eigentlich gebracht? Sind wir jetzt frei, nur weil die britischen und italienischen Armeen nicht mehr zu sehen sind? Ist Afrika überhaupt ein freier Kontinent?

Quelle: Rede von Abdullahi Issa Mohamud, Gesandten der S.Y.L., vor der Hauptversammlung der UNO, New York 1953

Abdullahi Issa Mohamud wurde 1922 in Afgoi geboren. Wäh­rend des Zweiten Weltkriegs war er Student. Er war Grün­dungsmitglied der SYL und wurde später zum General­sekretär der Partei gewählt. Als Delegierter vertrat er die SYL in Paris und New York um das Recht des somali­schen Volkes auf Unabhängigkeit zu verkünden. Er wurde 1956 in die erste Übergangsregierung zum ersten Premier­minister Somalias gewählt. Er wurde 1959 wieder gewählt und übernahm zusätzlich die Ämter als Außen-, Innen-, Sozial- und Justizminister. Nach der Unabhängigkeit 1960 wurde er zum Außenminister ernannt. In dieser Funktion nahm er an vielen internationalen Konferenzen teil, z.B. an der UNO General­versammlung und an den Afrikanischen Konferenzen in Lagos, Addis Abeba, Dakar u.a.. In den Wahlen 1964 kehrte er in die Nationalversammlung als SYL-Abgeordneter für Beled Weyne zurück. Abdullahi Issas Witwe lebte ein paar Jahre als Flüchtling in Österreich.

 


1960 werden 17 afrikanische Staaten unabhängig

Die Vorgeschichte dieser Ereignisse reicht mit ursprüng­lich portugiesischen Handelsniederlassungen bis in das 15. Jahr­hundert zurück. Zwischen 1880 und 1890 - im Zenit des Impe­rialismus - greifen dann die europäischen Großmächte, vor allem Großbritannien und Frankreich, intensiv in den Wettlauf um die Aufteilung der "weißen Flecken" Afrikas ein. 1884/85 einigten sich die europäischen Kolonialmächte und die USA auf der Berliner Afrika-Konferenz über die Aufteilung Afrikas. Um 1900 spätestens war Afrika - abgesehen von Äthiopien, das sich 1896 italienischen Eroberungsversuchen erfolgreich widersetzte, und Liberia - vollständig von europäischen Mächten kolonialisiert. Nach Kriegsende waren die europäischen Kolonialmächte geschwächt. Nationale Befreiungsbewegungen führen zur Auflösung der umfangreichen europäischen Kolonialbesitzungen in Afrika. Ab Mitte der 50er Jahre gewinnt der Prozess der Entkolonialisierung an Fahrt; 1960 erreicht er seinen Höhepunkt mit der Gründung von 17 neuen Staaten:

Kamerun, Togo, Ghana, Mali, Madagaskar, Kongo, Somalia, Benin, Niger, Burkina Faso, Core d’Ivoire, Tschad, Zentralafrika, Gabun, Senegal, Nigeria und Mauretanien.

Die Gründe, dass so viele Staaten ihre Unabhängigkeit erreichen konnten waren vor allem Kwame Nkrumah, der radikale Verfechter des Panafrikanismus, die Mau-Mau Bewegung in Kenia, die zeigte, dass in allen afrikanischen Staaten die Unabhängigkeit vollzogen werden kann, und auch der Umstand, dass bereits vor 1960 unabhängige Staaten entstanden sind. Auf der afrikanischen Völkerkonferenz in Tunis 1960 zeigte sich die neue Stimmung:

„Nie zuvor in der Geschichte erfüllte ein so leidenschaftlicher Freiheitsdrang die großen Massenbewegungen, die die Bastionen der imperialistischen Herrschaft niederreißen. Dieser Sturm der Befreiung, der durch Afrika weht, ist kein gewöhnlicher Wind. Er ist ein rasender Orkan, gegen den die alte Ordnung machtlos ist. Die stolzen  Millionen in Afrika haben es satt, länger Holzhacker und Wasserträger zu sein, sie lehnen sich auf  gegen den falschen Glauben, dass die Vorsehung  einen Teil der Menschheit dazu bestimmt habe, dem anderen als Knechte zu dienen."

erschienen in: Talktogether Nr. 8/2004