Gespräch mit Alexander Schmidt aus Russland PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Alexander Schmidt

aus Russland

"Die Behörden sehen nur die Gesetze, sie sehen dich nicht als Mensch.
Jeden Tag frage ich mich: Existiere ich überhaupt?“


TALK TOGETHER:
Ein Flüchtling mit deinem Namen ist ungewöhnlich. Wo bist du geboren?

Alexander: Ich bin in der Region von Min-Vody, das ist in Südrussland in der Nähe von Tschetschenien geboren. Ich besuchte dort die Schule und habe danach ein Jahr lang im Kommunaldienst gearbeitet. Dann studierte ich an der Universität Moskau Geschichte und Sozialrecht. Anschließend absolvierte ich den Militärdienst und arbeitete dann an einer Volksschule, wo ich der Stellvertreter des Schuldirektors war. Damals war ich erst 24 Jahre alt. Als 1990 im Zuge der „Perestroika“ Privatisierungen durchgeführt wurden, reichte jedoch mein Verdienst an der Schule nicht mehr aus. Deshalb machte ich eine Ausbildung als Radioelektroniker und eröffnete eine Radio-Reparaturwerkstätte. Später entwickelte sich mein Betrieb zu einer Handelsfirma. Doch während dieser Zeit begannen die Nationalitätenkonflikte und Krisen in mehreren Regionen, und es kam zu Auseinandersetzungen in Aserbaidschan, in Armenien, Moldawien usw. Auch in Russland entstand eine nationalistische Bewegung, die „Russische Nationale Einheit“ (1). Diese Nationalisten sind antisemitisch und haben Verbindungen mit der Mafia. Da meine Mutter Jüdin ist und mein Vater Deutscher, begannen sie mich zu bedrohen. Sie wollten mich vertreiben und mein Geschäft übernehmen. „Du bist kein Russe - das hier ist russische Erde“, sagten sie.

TALK TOGETHER: Wie lernten sich deine Eltern kennen?

Alexander: Mein Vater war als Kriegsgefangener nach dem Krieg in einem Gefangenenlager. 1956 wurde er befreit und lernte meine Mutter kennen. Da es in der Wolgaregion keine Arbeit gab, zogen sie ins Kaukasus­gebiet, wo sie heirateten und ich geboren wurde.

TALK TOGETHER: Ist es nicht ungewöhnlich, dass dein Vater, ein deutscher Kriegsgefangener, eine Jüdin heiratete?

Alexander: Mein Vater ist sogar bei der Hitlerjugend gewesen. Im Kriegsgefangenenlager wurde er aber wohl umerzogen.

Unsere Stadt ist sehr klein. Jeder wusste, dass meine Mutter Jüdin ist. Aber wir hatten eine schöne Wohnung, die ich nicht aufgeben wollte. Ich nahm die Drohungen der Nationalisten anfangs nicht ernst. Meine Mutter hatte große Angst, aber ich dachte, es wäre nur ein Spiel, das vorübergehen würde. Doch 1998 setzten sie mein Haus in Brand, indem sie einen Molotov-Cocktail ins geöffnete Fenster warfen. Ich konnte den Brand löschen, erlitt jedoch Verbrennungen an den Armen und im Gesicht. Nachdem ich aus dem Spital kam, erstattete ich bei der Polizei Anzeige. Dort wurde mir gesagt, dass sie die Leute suchen würden und dass ich warten solle. Doch meine Mutter drängte mich, weg zu ziehen.

Diese Leute waren entschlossen, mich zu vertreiben. Im Sommer 1999 überfielen sie mich und schlugen mich, bis ich bewusstlos war. Ein Nachbar fand mich und verständigte meine Mutter, die die Rettung rief. Ich verbrachte einein­halb Monate im Krankenhaus. Ich erlitt eine schwere Gehirnerschütterung unter deren Folgen ich bis heute leide.

TALK TOGETHER: Wart ihr – du und deine Mutter - die einzigen Juden in der Stadt?

Alexander: So viel ich weiß, ja. Ich habe zumindest nicht von anderen gehört. Es gab verschiedene Nationalitäten, Russen, Kosaken, Tscherkessen …

Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ging ich wieder zur Polizei und machte eine Anzeige. Doch ich konnte nichts beweisen, denn es fand sich niemand, der gegen diese Leute aussagen wollte, denn alle hatten vor den nationalistischen Banden Angst. Ich wusste aber, wer die Leute waren. Ich sagte zu den Polizisten: „Ihr wollt die Täter nicht finden. Ihr diskriminiert mich!“ Darauf ant­worteten sie dann: „Diese Leute haben das Richtige getan!“ und dann schlugen sie mich. „Wenn du uns anzeigst, wirst du noch mehr Probleme bekommen. Dir wird niemand glauben. Es wäre besser für dich, dass du weggehst“. „Wohin soll ich gehen?“ fragte ich. „Zum Teufel!“ Als ich das meiner Mutter erzählte, schlug sie vor, zu meiner Tante nach Moskau zu ziehen. Ich wollte abwarten, um die Wohnung zu verkaufen. Ich wollte das Geld nicht verlieren. Aber meine Mutter drängte mich zur Eile: „Das Geld ist nicht so wichtig wie dein Leben!“ Daher verkaufte ich das Haus schnell, weit unter dem Preis. In Moskau kannte ich Leute, deshalb war es nicht schwer für mich, Arbeit zu finden. Ich fand eine Stelle als Filialleiter bei einem meiner ehemaligen Geschäftspartner. Meine Mutter lebte bei ihrer Schwester und ich suchte mir eine Wohnung. Doch Anfang des Jahres 2001 tauchte plötzlich ein Mann an meinem Arbeitsplatz auf. „Wir kennen dich!“, sagte er und forderte Geld, ein Drittel mei­nes Verdienstes. Ich wusste, dass das kein Ende nehmen würde. Sie würden immer mehr verlangen. Sie könnten meine Wohnung ausfindig machen und mich dort über­fallen. Von der korrupten Polizei in Moskau kann man auch keine Hilfe erwarten. Ich war außerdem nur ein Zuwanderer und musste für meine Aufenthaltsgenehmi­gung bezahlen.

Meine Mutter drängte mich, Russland zu verlassen. Ich hatte allerdings nur – wie auch heute noch viele - einen sowjetischen Pass, in dem war Deutsch als meine Natio­nalität angegeben. Das konnte ich mir damals aussuchen. Wegen dem Antisemitismus wollte ich mich nicht als Jude ausgeben. Um ins Ausland reisen zu können, hätte ich einen russischen Pass benötigt. Nach meinen Erfahrungen habe ich es aber abgelehnt, einen russischen Pass zu beantragen. Da ich Deutsch spreche, suchte ich eine Mög­lichkeit, nach Deutschland zu kommen.

TALK TOGETHER: Wie hast du so gut Deutsch gelernt?

Alexander: Ich habe mit meinem Vater deutsch gespro­chen. Ich habe auch in der Schule Deutsch gelernt. Nach dem Krieg wurde viel Deutsch unterrichtet, da man vor einem neuen Krieg Angst hatte – man sollte die Sprache seiner Feinde beherrschen. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zehn war. Aber auch meine Mutter konnte etwas Deutsch und meine Exfrau war Russland-Deutsche. Wo sie heute lebt, weiß ich nicht. Ich habe gemeinsame Bekannte in Russland angerufen, aber seit Jahren hat sie niemand gesehen. Vielleicht ist auch sie weggegangen. In Bayern in der Gegend von Traunstein leben sehr viele Russland-Deutsche.

Da ich noch Geld hatte, hörte ich auf, zu arbeiten. Da fand ich in einer Zeitung ein Inserat: „Wenn Sie ein Schengen Visum brauchen, rufen Sie uns an!“ Da ich keinen Pass hatte, war es aber nicht möglich, ein Visum zu bekommen. Doch bei einer Firma sagte eine Dame zu mir, dass sie Leute kenne, die mir helfen könnten. Es koste allerdings 2500 Dollar. Ich willigte ein. So wurde meine Reise arrangiert. Gemeinsam mit einem Ukrainer wurde ich in einem LKW, der mit leeren Kartons beladen war, ver­steckt und Richtung Westen transportiert. Nach zwei Tagen waren wir in Salzburg angekommen. Die Schlepper sagten: „Wir sind in Deutschland. Es ist besser, wenn du uns deinen Pass gibst.“ Ich glaubte ihnen und gab ihnen meinen Pass. Da ich deutsche Schrift gesehen habe, fiel mir nicht gleich auf, dass ich gar nicht in Deutschland war. Später habe ich versucht, den Pass wieder zu bekommen. Doch inzwischen existiert diese Firma nicht mehr. Der Fahrer gab mir auch noch den Rat, keinesfalls zur Polizei zu gehen, da ich sonst abgeschoben würde, sondern zur Caritas. Dort wurde ich  dann zum Bundes­asylamt geschickt. Ständig hatte ich Angst, verhaftet und zurückgeschoben zu werden.

TALK TOGETHER: Wie geht es dir jetzt?

Alexander: Heute stehe ich vor der Situation, dass ich ohne Wohnung und Geld auf der Straße stehe. Anfangs war ich in einer Pension in Bundesbetreuung, doch dort wurde ich weggeschickt. Ich lebte danach bei Bekannten, bis ich von der Caritas aufgenommen wurde. Dort wollten sie mich dann aber in eine Pension nach Böckstein schi­cken. Ich wollte aber gern in Salzburg bleiben, da ich Freunde gefunden habe und außerdem hier Bibliotheken und andere Einrichtungen besuchen kann. Ich wurde vorüber­gehend bei INTO (Flüchtlingsdienst der Diakonie) untergekommen, bis ich eine Woh­nung gefunden habe. Ich habe dann um Sozialhilfe ange­sucht und drei Monate Geld lang bekommen. Als ich dann eine Wohnung gefunden habe, wurde mir versprochen, dass ich ein Bett, einen Tisch und einen Schrank bekäme. Doch im Jänner bekam ich dann den Bescheid, dass meine Sozial­hilfe eingestellt würde. Die Begründung war, dass ich die Bundesbetreuung verlassen hätte. Aus diesem Grund bekomme ich jetzt nirgends mehr Unterstützung. Ich war schon überall, jede Organisation in Salzburg kennt mich und mein Problem. Aber niemand kann oder will mir hel­fen.

Ich habe keinen Schlafplatz, kein Geld für Medikamente und keinen Krankenschein – obwohl ich seit Wochen krank bin. Ich hatte hohes Fieber. Im Spital wurde ich aber nicht aufgenommen. „Wir sind keine Notschlafstelle“, wurde mir gesagt. Vom Roten Kreuz bekam ich Antibio­tika. Doch ohne Wohnung kann ich mich nicht erholen. Innerhalb weniger Wochen sind meine Leberwerte bedenklich angestiegen.

TALK TOGETHER: Wie kannst du ohne Geld und ohne Wohnung überleben?

Alexander: Manchmal geben mir Freunde oder andere Flüchtlinge ein bisschen Geld, manchmal schlafe ich in der Notschlafstelle oder bei Bekannten. Ich würde aber dringend Erholung brauchen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Am liebsten würde ich arbeiten, denn ich bin stark – zumindest bis zu meiner Krankheit war ich das. Mir ist es finanziell in Russland gut gegangen, aber die Leute glau­ben, ich wäre wegen Geld nach Österreich gekommen. Das schmerzt mich am meisten. Die Behörden sehen nur die Gesetze, sie sehen dich nicht als Mensch. Ob du Essen hast oder nicht, fragt keiner. Jeden Tag frage ich mich: „Existiere ich überhaupt?“ Ein Hund oder eine Katze hat mehr Rechte. Ich habe Euch über meine Probleme erzählt, die ich gesammelt habe, damit ich die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen kann. Ich bin ein Mensch und habe das Recht auf dieser Erde zu leben.


(1) Die vom gelernten Schlosser und Hitler-Verehrer Aleksander Barschakov 1990 gegründete nationalistische und antisemitische Organisation Russische Nationale Einheit (RNE) – Motto: "Russland den Russen" - entwickelte sich zur größten rechtsex­tremen Vereinigung in Russland. Die Organisation verfügt über schlagkräftige paramilitärische Truppen und soll bis zu 200.000 Anhänger zählen. Liberale, Demokraten, Juden und Freimaurer werden von ihnen als die Erzfeinde Russlands angesehen.

 

erschienen in: Talktogether Nr. 8/2004