Haiti: 200 Jahre Sklavenrevolution PDF Drucken E-Mail

Der flĂĽchtige Duft der Freiheit

Am 1. Jänner 2004 war der 200. Jahrestagstag des Sieges der Sklavenarmee über die Armee Napoleons. Doch viel zu feiern gibt es für die Bevölkerung von Haiti nicht. Heute befindet sich das Land in einer unerträglichen Lage. Jahrzehnte lang wurde das Volk vom brutalen Regime von „Papa Doc“ und seinem Sohn "Baby Doc" Duvalier und ihren Todesschwadronen, den „Tonton Macoutes“, unterdrückt. 1994 schickte der damalige US-Präsident Bill Clinton Truppen als „Befreier“ nach Haiti. Doch die Entwicklung der letzten 10 Jahre hat gezeigt, dass US-Truppen ein Land weder befreien noch retten können.


Im 17. Jahrhundert war Haiti, der Westteil der Karibikinsel San Domingo, der Stolz des französischen Kolonialreichs. Über 2000 Plantagen lieferten Zucker, Baumwolle, Tabak und Kakao. Die Quelle des Reichtums war die Ausbeutung von einer halben Million afrikanischer Sklaven, die in Gefangenenlagern zur Arbeit gezwungen und wie Tiere behandelt wurden. Die Sklavenbesitzer – meist Söhne verarmter Adeliger, die von ihren Vätern ausgeschickt worden waren, um den Familienreichtum wieder aufzubauen – führten eine dekadente Lebensweise. Zu faul, um sich selbst anzuziehen oder zu rasieren, überließen sie die Verwaltung der Plantagen anderen, meist den Nachkommen, die aus den Vergewaltigungen von Sklavinnen entstanden waren. Die Grausamkeit, mit der die Sklaven behandelt wurden, war unmenschlich. Zur Strafe wurden sie nicht nur geprügelt, auch wurden ihnen Körperteile abge­schnitten. Da es billiger war, neue Sklaven zu kaufen als sie aufzuziehen, mussten sich die Afrikaner buchstäblich zu Tode arbeiten. „Die Elfenbeinküste ist eine gute Mutter“, scherzten die Sklavenbesitzer. 1789 waren noch mehr als zwei Drittel der Sklaven in Afrika geboren.

Rebellion der Sklaven

Am 14. Juli 1789, weit weg von den Plantagen Haitis, stürmten die Massen in Paris die Bastille. Manche der Skla­venbesitzer freuten sich über die Revolution, denn sie träumten von der Unabhängigkeit. Niemand dachte daran, dass die „Menschenrechte“ ein Ende der Sklaverei bedeuten könnten. Es kam zu Gegensätzen zwischen den Royalisten und den Unterstützern der Revolution, während die Mulatten ihre Forderung nach Gleichberechtigung mit den Weißen stellten. Während diese Kämpfe unter den Sklavenbesitzern entbrannten, formierte sich 1791 eine Verschwörung unter den Sklaven, die sich um einen Voodoo-Priester namens Boukman sammelte. Der Plan war einfach. Auf ein Signal hin, sollten die Plantagen angezündet und die verhassten Weißen getötet werden. Die Sklaven hatten von den Franzosen nichts gelernt als Brutalität und antworteten deshalb mit Härte. Außer ein paar angesehenen Ärzten töteten sie alle Weißen, die ihnen in die Hände fielen. Doch nach ein paar Wochen brach die Bewegung zusammen. Es gab keine starke Organisation, Boukman selbst war gefallen, und die Bewegung drohte sich zu spalten. Als die Rebellencamps vom Hungertod bedroht waren, verloren viele den Mut. Manche kehrten sogar zu den Sklavenbesit­zern zurück und flehten um Amnestie. Diese kannten jedoch keine Gnade und waren entschlossen, die rebellischen Skla­ven unbarmherzig zu bestrafen. So könnte diese Rebellion geendet haben, wie so viele andere Sklaven­revolten in der Geschichte.

Die Sklavenarmee von Toussaint L’Ouverture


Aber es kam anders. Die Sklavenhalter waren isoliert in einer Gesellschaft, in der die Sklaven die Überzahl hatten. Außerdem war die herr­schende Klasse selbst tief gespalten. Und – der viel­leicht entscheidende Faktor – eine disziplinierte Führung tauchte auf mit einem Plan und der Vision, eine Revo­lution durchzuführen. Tous­saint L’Ouverture war be­reits in der Sklaverei gebo­ren, als Sohn in Afrika ge­fangener Sklaven. Er war ein Mann von großer Selbst­dis­ziplin, der sich selbst scho­nungslos trainierte und un­ermüdlich studierte. Er sprach Creole, doch er brachte sich selbst Französisch und sogar Latein bei. Als die Revolte in Haiti ausbrach, war er bereits 45 Jahre alt, zu alt für einen Sklaven. Er übernahm eine Plantage und wartete ab. Nach ein paar Wochen schickte er seine Familie über die Grenze in die spanische Kolonie im Osten der Insel in Sicherheit.

Toussaint hatte verstanden, dass nur eine Armee in der Lage war, das System zu stürzen, und entwickelte eine militäri­sche und politische Strategie. Schritt für Schritt begann er, eine disziplinierte Kampftruppe aufzubauen. Er beteiligte sich aber nicht an Grausamkeiten. Er bestand sogar darauf, alle Sklavenbesitzer zu verschonen, die sich ergaben. Diese Taktik ermöglichte ihm, Siege zu erringen und Verluste zu minimieren. Er war entschieden, berechnend, zielbewusst und vertraute seinen Kämpfern bedingungslos. Um Waffen zu bekommen, schmiedete er Allianzen mit den spanischen Kolonialisten, die mit den Franzosen in Konkurrenz standen. Während sich Frankreich gerade in der radikalsten Phase der Revolution befand, gelang es Toussaints Truppen nicht nur, die französischen Sklavenbesitzer, sondern auch die zu Hilfe eilenden britischen Truppen zu besiegen.

Toussaint wusste, dass unweigerlich Hungersnöte drohen wür­den, wenn die Sklaven nicht auf die Fel­der zurückkehrten. Deshalb wurde eine neue Wirtschaftsweise eingeführt, und die Arbeiter bekamen Rechte. Statt Schläge erhielten sie für ihre Arbeit Lohn, Nahrung, Unterkunft und einen Teil der Pro­duktion. Ehemalige Sklavenbesitzer, die die neue Ordnung akzeptierten, wurden beschützt, ihnen wurde aber streng verboten, die alten Methoden wieder einzuset­zen. Die Truppen der Briten, die gehofft hatten, die Besitzungen der demoralisierten Franzo­sen zu übernehmen, wur­den von den Freiheitskämpfern in sieben Schlachten geschlagen. Um 1800 besiegte die Skla­venarmee auch die spanischen Truppen. Toussaint komman­dierte zu diesem Zeitpunkt bereits 55.000 Kämpfer.

Nachdem Napoleon die Revolution in Frankreich niedergeschlagen und die Macht übernommen hatte, schickte er seine Truppen nach Haiti, um die Sklaverei wieder zu errichten. Als Toussaint ein französisches Schiff bestieg – um zu verhandeln, war ihm gesagt worden – wurde er gefangen genom­men und entführt. Toussaints L’Ouverture, einer der bedeutendsten Revolutio­näre der Geschichte, starb fern seiner Heimat in einer Zelle in den französischen Alpen. Doch seine Leut­nants Jean-Jacques Dessalines und Henri Christophe konn­ten alle Ver­suche, Haitis Bevölkerung zu wieder zu versklaven, abwehren. Sie fügten Napoleon 1804 eine schwere militärische Niederlage zu. Haiti wurde somit die erste unabhängige Nation Latein­amerikas und der erste Staat, der die Sklaverei abschaffte.


Was blieb von Haitis glorreicher Geschichte?

Die Freiheit ist eine kostbare und empfindliche Pflanze, die sorgsam gepflegt und beschützt werden muss, damit sie Früchte trägt. Doch die Imperialmächte ließen nichts unversucht, um zu verhindern, dass sie sich ungestört entwickeln und entfalten konnte. Haiti, einst die reichste Kolonie der Welt, zählt heute zu den ärmsten Ländern der Welt. 85 Prozente der Einwohner der Karibikinsel haben weniger als 1 US$ pro Tag zur Verfügung, währen nur 1 Prozent die Hälfte des Reichtums besitzt.

200 Jahre nach der Befreiung, am 29. Februar 2004, nah­m eine von Guy Philippe angeführte Armee – von den Medien „Rebellen“ genannt – die Hauptstadt Port-au-Prince ein. Ausländische Truppen, geführt von den USA und Frank­reich, okkupierten das Land und zwangen den gewählten Präsidenten Aristide, das Land zu verlassen. Die so genann­ten „Rebellen“ – reaktionäre Kräfte aus der Armee – nahmen ihre alten Quartiere wieder ein­, aus denen sie 1994 vertrie­ben worden waren, als Aristide die Armee auflöste. Aristide floh nach Jamaika. Nach Angaben des „Miami Herald“ wurde die jamaikanische Regierung jedoch darauf­hin bedroht, dass sie dasselbe Schicksal erei­len könnte, sollte sie Aristide willkommen heißen. Aristide wurde nach Zentralafrika entführt und von jeder Kommu­nikation abge­schnitten. Trotzdem gelang es ihm, aus einer Telefonzelle mit Freunden in den USA zu telefo­nieren und von seiner Entführung zu berichten.

Bereits 1915 bis 1934 war Haiti von den USA okkupiert, die das Parlament auflösten, eine moderne Armee gründeten und das Kriegsrecht einführten. Danach wurde die Bevölkerung Jahrzehnte lang von den grausamen Diktatoren Papa Doc und Baby Doc Duvalier terrorisiert. Tausende Menschen wurden während dieser Zeit getötet. Aristide hatte als radi­kaler Priester während der Diktatur von Baby Doc begonnen, mit der armen Bevölkerung in den Slums zu arbeiten. Der Bevölkerung Haitis gelang es, sich 1986 zu befreien und den grausamen Diktator zu vertreiben. Doch bereits 1991 wurde der erste Coup gegen Aristide organisiert. In der darauf folgenden Dikta­tur unter Raoul Cedras wurden in nur drei Jahren 5000 Menschen getötet.

„Vom Elend zur Armut in Würde“

1994 wurde Aristide durch eine Militäraktion der USA wieder eingesetzt. Er musste sich allerdings verpflichten, sich dem Diktat der vom IWF aufgezwungenen „Strukturanpassungsprogramme“ zu beugen und die Grenzen für ausländische Konzerne zu öffnen. Aristide wusste, wie beschränkt seine Möglichkeiten waren:"Entweder ordnen wir uns einem globalen Wirtschaftssystem unter, das uns keine Überlebensmöglichkeit gibt, oder wir sterben einen langsamen Hungertod."

Obwohl nicht Befeiung, sondern die Versöhnung von Unterdrückern und Unterdrückten Aristides Programm war, arbeitete Bush – kaum war er ins Weiße Haus eingezogen - daran, ihn zu entfernen. Denn er war nicht gehorsam genug. Er steckte Geld in die Ausbildung der Massen und wider­setzte sich der Privatisierung mancher Wirtschaftsbereiche. Außerdem hielt er Kontakte zu Kuba und zu Hugo Chávez in Venezuela, laut Bushs Ideologie die „Achse des Bösen in Lateinamerika“. Aber auch Frankreich war er ein Dorn im Auge, da Aristide von der früheren Kolonialmacht die Zahlungen zurückforderte, die Haiti Jahrhunderte lang zahlen musste um weiter mit Frankreich Handel treiben zu dürfen - als Entschädigung für die entgangenen Profite durch Kolonialismus und Sklaverei. Auf den Antrag der USA hin wurden alle versprochenen Weltbank-Kredite eingefroren. Durch die billigen US-Reis­importe, die den Markt überschwemmten, wurden die haitianischen Bauern in den Ruin getrieben. Im Grenzgebiet zur Dominikanischen Republik formierten sich derweil Oppositionstrup­pen, die zwar nur an die 600 Mann zählten aber mit modernen Waffen ausgerüstet waren, zu denen Aristides Polizei keinen Zugang hatte. Aristide appellierte um internationale Hilfe. Doch nicht Hilfe, son­dern seine Vertreibung war das Ziel der Imperialisten. Ein paar Tage nach der Besetzung gab es bereits „Vorstellungsgespräche“ für die frei gewordenen Regierungsposten, als suche man Personal für eine Firma.

Aristide war es nicht gelungen, die Armut der Bevölkerung zu lindern. Deshalb verlor er die Unterstützung der Mas­sen. So wurde er für die Imperialisten unbrauchbar und man hat ihn ausgetauscht. Die Menschen in Haiti sind nicht selbst verantwortlich für ihre Armut; und genauso wenig wie im Irak ist das Ziel der Okkupation, der Bevölkerung zu helfen. Das Volk Haitis hat es schon zweimal geschafft, sich von der Unterdrückung zu befreien. Wann wird es ihr das dritte Mal gelingen?


 

erschienen in: Talktogether Nr. 8/2004