Gespräch mit Aynur aus Kurdistan PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Aynur aus Kurdistan

Mitarbeiterin des Vereins „über-brücken“ in Ottensheim, Oberösterreich

„…in Österreich habe ich erfahren, dass es auch in zahlreichen anderen Ländern viele Menschen gibt, die aufgrund von Krieg, wegen ihrer politischen Überzeugung, oder weil sie als Frauen großer Unterdrückung ausgesetzt sind, verfolgt werden. Auch wenn wir eine andere Sprache sprechen, fühle ich mich mit diesen Menschen verbunden, weil sie ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie ich.“

Talk Together: Du bist als Flüchtling nach Österreich gekommen. Wie war dein Leben vor deiner Flucht?

Aynur: Ich bin im türkischen Teil von Kurdistan in der Stadt Bingöl aufgewachsen. Dort war das Leben für uns sehr schwierig, weil wir als Kurden vielen Repressalien der türkischen Regierung ausgesetzt waren. Ich habe dort das Gymnasium besucht. Aufgrund des Krieges zwischen der türkischen Regierung und den kurdischen Freiheitskämpfern wurde die Situation in Bingöl immer schlimmer. Kurden wurden von der Polizei von vornherein als potenzielle Gegner angesehen, Verhaftung und Folter standen an der Tagesordnung. Manche Menschen wurden mitgenommen und kehrten nie wieder zurück. Ihre Familien haben nie erfahren, was mit ihnen passiert ist. Fast jede kurdische Familie war betroffen und hatte ein oder mehrere Mitglieder, die verfolgt wurden oder im Gefängnis waren. Aufgrund dieser gefährlichen Situation musste ich die Schule abbrechen und mit meiner Familie nach Izmir flüchten. Damals war ich 16 Jahre alt. Die Schule habe ich dann in Izmir abgeschlossen und die Berechtigung Hochschulzugang erworben. Danach habe ich meinen Mann Yasin geheiratet und als Buchhändlerin gearbeitet und selbst gemachten Schmuck auf der Straße verkauft.

Talk Together: Warum musstest du deine Heimat verlassen?

Aynur: Durch meine Kindheitserfahrungen in Kurdistan begann ich mich politisch zu engagieren. Ich besuchte einen kurdischen Kulturverein und stand auch mit politisch aktiven Menschen in Kontakt. Diese Kombination, Kurdin und politisch aktiv, machte mich für den türkischen Staat zur Terroristin. Ich wurde verhaftet und drei Tage unter schrecklichen Umständen festgehalten. Damals war mein Sohn drei Jahre alt. Nach diesem Vorfall entschied ich, da ich mein ganzes bisheriges Leben in Angst verbracht hatte, dass ich mir für mein Kind ein besseres Leben wünschte. Ciwan sollte die Möglichkeit haben, ohne ständige Furcht aufzuwachsen. deshalb beschlossen mein Mann und ich 2003, aus der Türkei zu flüchten.

Talk Together: Kannst du etwas über deine Flucht erzählen? Wie schwer ist dir die Entscheidung gefallen? Was hast du dir erhofft?

Aynur: Wir wurden von Schleppern über Österreich nach Deutschland gebracht. Unsere Reise dauerte 10 oder 12 Tage und war sehr schwierig. In Deutschland wurden wir aufgegriffen, unsere Fingerabdrücke wurden genommen, unsere Daten erfasst. Wir verstanden nicht, was mit uns passierte und es machte mir große Angst. Ich habe gedacht, dies sei ein Missverständnis, und, dass sie uns mit gesuchten Verbrechern verwechselten. Die türkische Dolmetscherin übersetzte mir, dass wir jetzt wieder zurück in die Türkei müssten. Ich war verzweifelt. Wir hatten 10.000 € für die Flucht bezahlt, waren 12 Tage unterwegs gewesen, sollte das alles umsonst gewesen sein? Aber zum Glück wurden wir nicht in die Türkei abgeschoben, wo man uns nach unserer Flucht sicher verhaftet hätte, sondern wir wurden nach Österreich gebracht. Die Entscheidung, meine Heimat zu verlassen ist mir sehr schwer gefallen. Ich habe sehr mit mir gekämpft. Meine Schwester, die die gleichen Probleme gehabt hatte wie ich, lebte schon in Deutschland. Ihr Leben dort war ohne Angst, wie es für normale Menschen sein sollte.

Talk Together: Wie ist es dir gegangen, als du nach Österreich gekommen bist und auf Asyl gewartet hast?

Aynur: Schlecht! Besonders das erste Jahr. Ich lebte in einem Asylwerberheim. Dort gab es nur ein Mittagessen, was besonders mit meinem Kind sehr schwierig war. Wir mussten mit fremden Menschen in einem Zimmer auf engem Raum zusammen leben. Wir durften nicht arbeiten und waren deshalb zu Untätigkeit verdammt. Es gab viele Regeln, an die man sich zu halten hatte. Ich durfte nicht widersprechen, nichts in Frage stellen, als Asylwerberin hatte ich dazu nicht das Recht. Im ersten Jahr bekamen wir überhaupt kein Geld, obwohl wir eigentlich Anspruch auf Unterstützung gehabt hätten.

Aber dann ist es mir gelungen, mich aufzuraffen, und ich habe zu kämpfen begonnen. Ich begann mit der Plattform "Menschenrechte" zu arbeiten. Ich lernte dort eine Mitarbeiterin der Vereins, Maria Sojer, kennen. Sie organisierte dort einen Treffpunkt für Asylwerber. Bei ihr hatte ich endlich das Gefühl, wieder als Mensch wahrgenommen zu werden. Sie hat uns Flüchtlingen zugehört und versucht, Lösungen für unsere Probleme zu finden. Was zwar nicht immer möglich war, aber allein ihre Herzlichkeit war eine große Hilfe. Ich habe danach noch viele nette, herzliche Leute kennen gelernt, was sehr gut für mich war. Wir bekamen schließlich eine Wohnung. Ich besuchte viele Deutschkurse. In meiner Kultur ist es oft so, dass die Frauen meistens zu Hause bleiben. Bei mir war das anders, ich bin hinausgegangen, habe Deutsch gelernt und mich für andere, neue Kulturen interessiert. Ich habe mich für viele Dinge interessiert. Ich wollte andere Frauen kennen lernen und organisierte Treffen für MigrantInnen, um ihnen zu helfen, aus ihrer Isolation zu kommen. Und uns die Möglichkeit zu geben, uns über unsere Probleme auszutauschen.

Talk Together: Jetzt hast du endlich Asyl bekommen. Wie geht es dir jetzt?

Aynur: Ich fühle mich jetzt sehr gut, obwohl das Leben als Migrantin in Österreich nicht immer einfach ist. Ich lebe hier ohne Angst. Ich bin sehr aktiv. Ich wohne jetzt in Oberösterreich, in Ottensheim. Hier glaube ich, dass ich die Chance habe, eine neue Heimat zu finden. Die Atmosphäre hier ist sehr offen. Die Bürgermeisterin Ulrike Böcker wird von einer Bürgerinitiative gestellt und es gibt viele Möglichkeiten, das Leben hier mitzugestalten. Ottensheim ist für mich und viele andere ein ganz besonderer Ort. Außerdem wohne ich in einem Haus, wo zufällig viele SozialarbeiterInnen wohnen, was oft eine große Hilfe für mich ist.

Talk Together: Du engagierst dich für Flüchtlinge und Integration. Was sind deine Gründe dafür und was willst du damit erreichen?

Aynur: Früher dachte ich, dass nur Kurden aufgrund ihrer Nationalität Probleme haben, doch in Österreich habe ich erfahren, dass es auch in zahlreichen anderen Ländern viele Menschen gibt, die aufgrund von Krieg, wegen ihrer politischen Überzeugung, oder weil sie als Frauen großer Unterdrückung ausgesetzt sind, verfolgt werden. Auch wenn wir eine andere Sprache sprechen, fühle ich mich mit diesen Menschen verbunden, weil sie ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie ich.

Meine Erfahrungen als Asylwerberin und das, was ich erlebt habe, werde ich nie vergessen und es begleitet mein Leben. Mir geht es jetzt gut, aber viele andere Menschen in Österreich leben noch so wie ich damals, ohne Hoffnung, ohne Kraft. Aber von selbst wird sich ihr Leben nicht ändern. Sie müssen heraus aus ihrer Passivität, aktiv werden. Sie müssen Deutsch lernen, um ihre Rechte zu kennen und für sie kämpfen zu können. Sie müssen die andere Kultur kennen lernen, weil ich denke, Integration ist ganz wichtig, wenn man hier eine neue Heimat finden will.

Talk Together: Wie ist eure Gruppe in Ottensheim entstanden? Wer sind die Mitglieder?

Aynur: Es gab, als ich nach Ottensheim kam, bereits seit einigen Jahren den Verein "über-brücken". Sie haben mich eingeladen und es entstand die Idee zum "Cafe der Kulturen". Besucher des Cafés sind AsylwerberInnen aus dem Heim im Nachbarort und Leute aus Ottensheim und Umgebung, MigrantInnen und auch ÖsterreicherInnen. Wir treffen uns jeden ersten Freitag im Monat im Elternkindzentrum "Kanu". Es gibt hier die Möglichkeit, sich gegenseitig kennen zu lernen und es ist auch eine Möglichkeit, Deutsch zu sprechen. Ich glaube, der gegenseitige Austausch hilft auch den AsylwerberInnen, Kraft zu schöpfen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Kinder mitzubringen, und es findet sich auch immer wieder jemand, der die Betreuung übernimmt, was ein Grund ist, dass auch immer besonders viele Frauen zu den Treffen kommen.

Talk Together: Was sind deine Ziele für die Zukunft?

Aynur: Die nächsten Monate werde ich bei einem Integrationsprojekt der Gemeinde Ottensheim mitarbeiten. Außerdem habe ich vor fünf Monaten eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin begonnen, denn ich möchte Menschen unterstützen, die Ähnliches durchmachen, wie ich es selbst erlebt habe.

Talk Together: Danke für das Gespräch!

 

erschienen in: Talktogether Nr. 24/2008