China: Das wahre Gesicht des Wirtschaftswunders PDF Drucken E-Mail

 Das wahre Gesicht des

“Chinesischen Wunders“

 Am 17. Juli 2007 wurde der Manager einer Ziegelfabrik in der Provinz Shanxi im Norden Chinas zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem enthüllt worden war, wie dort Menschen versklavt und zur Arbeit gezwungen wurden. Laut Medienberichten wurde die Ziegelbrennerei wie ein Gefängnis geführt. Um die Flucht der Gefangenen zu verhindern, wurde der Betrieb mit Kampfhunden bewacht und diejenigen, die die Flucht trotzdem versuchten, wurden mit Schlägen bestraft. In der besagten Ziegelbrennerei wurden 34 Zwangsarbeiter befreit, einige von ihnen waren geistig behindert. 19 Arbeiter litten unter Verletzungen. Weil sie frisch gebrannte Ziegel auf ihren Rücken schleppen mussten, trugen viele schwere Verbrennungen davon. Medien berichteten, dass mindestens 13 an den Folgen von Überarbeitung und Missbrauch zu Tode gekommen waren, darunter ein Arbeiter, der mit einer Schaufel erschlagen wurde. Die Sklavenarbeiter waren in einem leeren Raum ohne Betten eingesperrt, den sie nur zur Arbeit verlassen durften. Nur einmal am Tag hatten sie 15 Minuten Pause, bekamen zu essen und Wasser zu trinken.

Besorgt, dass solche skandalösen Nachrichten das Bild vom „Chinesischen Wirtschaftswunder“ beschmutzen könnten, versuchten offizielle Stellen, diesen Vorfall als schrecklichen Einzelfall darzustellen, verübt von ein paar gierigen und grausamen Individuen. Doch bald stellte sich heraus, dass solche Arbeitsverhältnisse im heutigen China überhaupt keine Einzelfälle sind, sondern zumindest in manchen Provinzen wie Shanxi oder Henan ziemlich häufig vorkamen, und die Provinzverwaltungen, obwohl sie über diese Situation informiert waren, nichts dagegen unternommen hatten.

Hunderte Eltern waren auf der Suche nach ihren vermissten Kindern und hatten Grund zur Annahme, dass ihre Kinder entführt und zur Arbeit in Ziegelbrennereien gezwungen wurden. Die Regierung wurde erst aktiv, als diese Eltern einen offenen Brief im Internet publizierten, in dem sie die Provinzbehörden von Shanxi und Henan beschuldigten, die Sklavenhändler zu ignorieren oder sogar zu unterstützen. Fu Zhenzhon, ein Reporter aus Henan, schrieb in The China Youth Daily: „Für unsere Reportage stellte die mangelnde Kooperation der Behörden das größte Hindernis dar. Manche versuchen sogar die Eltern mit allen Mitteln davon abzuhalten, ihre Kinder zu retten.“ (Reuter, 17 Juni 2007). Schließlich konnten nach einer Serie von Polizeirazzien 1000 Zwangsarbeiter aus Ziegelbrennereien befreit werden. Es stellte sich heraus, dass die Sklavenhändler Kinder auf den Straßen mit falschen Versprechungen angelockt und gefangen, und sie anschließend um umgerechnet 50 Euro weiterverkauft hatten.

Im Gegensatz zu dem, was die chinesischen Behörden die Leute glauben machen wollen, gibt es Grund zur Annahme, dass sich die Arbeitsbedingungen an vielen Orten in China nicht sehr von denen in besagten Ziegelbrennereien unterscheiden. Zum Beispiel berichtete die britische Zeitung Guardian am 18. Juni 2007: „Von den Fabrikzonen der Guangdong Provinz, den Straßenmärkten, Küchen und Bordellen in den großen Städten, bis zu den primitiven Fabriken in den schwach entwickelten westlichen Provinzen, ist Kinderarbeit eine tägliche Realität, und die Regierung schaut meistens weg… oder wie Hu Jindou, ein Wirtschaftsprofessor der Technischen Universität Beijing sagt, ‚Zwangsarbeit und Kinderarbeit sind alles andere als ein isoliertes Phänomen. Sie sind tief verwurzelt in der heutigen Realität, einer Mischung aus Kapitalismus, Sozialismus, Feudalismus und Sklaverei.’“

Derselbe Bericht bezieht sich auf einen anderen Fall in der Provinz Guangdong, wo SchülerInnen einer Mittelschule aus Szechuan bei einem Arbeitsprogramm ihrer Schule missbraucht und zur Arbeit in Elektronikfabriken in Dongguan, wo chronischer Arbeitskräftemangel herrscht, gezwungen wurden. Die SchülerInnen bekamen für ihre Arbeit keinen Lohn, und diejenigen, die das Programm verlassen wollten, durften weder mit ihren Familien telefonieren noch bekamen sie Geld für eine Fahrkarte nach Hause.

Eine Reportage von Ullrich Fichtner im Spiegel vom 6. Februar 2006, deckte auf, dass das Wirtschaftswunder der Provinz Shenzhen mit seiner jährlichen Wachstumsrate von 15 Prozent auf den Schultern junger Fabrikarbeiterinnen lastet, die sieben Tage in der Woche von früh morgens bis spät in die Nacht für gerade einmal 45 Euro im Monat Kaffeemaschinen oder Plastikpuppen zusammensetzen. Nicht selten riskieren die Frauen bei dieser Arbeit schwere Verbrennungen und lebensgefährliche Verletzungen. 70 Prozent der SaisonarbeiterInnen, die aus dem ganzen Land in die Fabriken von Shenzhen und die angrenzenden Regionen geströmt sind, sind Frauen. Die Migration der jungen Frauen begann 1980, als Deng Xiaoping Shenzhen, eine Stadt in der Guangdong Provinz, zum Vorzeigeprojekt für seine neue Politik der wirtschaftlichen Entwicklung erkor. Damals verbreitete sich die Nachricht von diesem „Traum“ schnell in ganz China. Doch dieser „Traum“ entpuppte sich für die meisten als eine Illusion. Eine große Zahl dieser unglücklichen  Frauen endete als Prostituierte in der Region. Fichtners Reportage beschreibt das Leben von Frauen wie Chou Venil, die sieben Tage pro Woche 12 Stunden lang für 54 Cents pro Stunde in einem Massagesalon arbeitet. Der Bericht erzählt weiter: „Ältere Frauen mit schlechten Zähnen stehen mit Fotoalben entlang der Gehsteige. Diese Alben sind Kataloge von Prostituierten Die Frauen rufen: ‚Mädchen, Mister, sie sind jung, sie haben kein AIDS, Mister’...“  

Goangdong ist im Gegensatz zu Shanxi keine rückständige Region, sondern eine der reichsten und am höchsten entwickelten Provinzen des Landes. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Provinz ist begründet auf der schonungslosen Ausbeutung von ArbeiterInnen, die aus weit entfernten, armen Provinzen im Hinterland zugewandert sind. Ohne diese rückständigen Bedingungen in den ländlichen Gebieten wäre der Erfolg von Chinas moderner Industrie nicht möglich gewesen. Heute wird oft über das „chinesische Wirtschaftswunder“ und die enormen Wachstumsraten gesprochen. Dieser Erfolg wurzelt jedoch in der immer fortschreitenden Kluft zwischen den reichen Städten und den rückständigen ländlichen Regionen, zwischen den reichen Küstenprovinzen und den armen Provinzen im Binnenland, ebenso wie aus der sich verschärfenden Unterdrückung der Frauen. Diese Ungleichheiten sind der Ursprung von ernormen Profiten und ebenso enormen Leiden.

China hat eine andere Vergangenheit, eine sozialistische. Eine Vergangenheit, die heute meist als verbrecherisch dargestellt wird. Es geht hier nicht darum, Verbrechen zu verleugnen oder über sie zu urteilen. Verbrechen geschehen auch heute noch - und nicht nur in China. Es hängt aber meist von der politischen Absicht ab, welche Verbrechen betont und anprangert, welche beschönigt oder unter den Teppich gekehrt werden. Wer jedoch Bilder von Arbeiterinnen und Bäuerinnen, von den einfachen Menschen von damals ansieht, dem springt der Unterschied sofort ins Auge. Man könnte einwenden, dass es sich hierbei um Propagandafotos handelt. Die Beurteilung, ob das Selbstbewusstsein und die Zuversicht, die aus diesen Gesichtern strahlen, echt oder nur gespielt sind, sei den BetrachterInnen überlassen. Eine historische Tatsache ist es aber, dass auch damals ein Wirtschaftswunder erreicht wurde: Aus einem rückständigen, feudalen Land wurde ein moderner Staat aufgebaut, mit einer Wachstumsrate, die im Kontrast zu vergleichbaren Ländern wie Indien enorm war. Doch diese Entwicklung war nicht auf sozialer Ungleichheit aufgebaut, sondern hatte das Ziel, die Gegensätze zwischen den Klassen, zwischen Stadt und Land, zwischen manueller und geistiger Arbeit, zwischen Mann und Frau abzubauen.

Heute ist davon nichts mehr übrig geblieben. Die chinesische Politik hat eine völlig andere Richtung eingeschlagen, in der Wachstum, Erfolg, Effizienz und Produktionssteigerung im Vordergrund stehen, egal um welchen Preis. Heute steht die chinesische Politik im Einklang mit dem herrschenden Weltwirtschaftssystem, und die chinesische Regierung unterhält ausgezeichnete Beziehungen zum Westen. Wenn westliche PolitikerInnen heute halbherzig die schonungslose Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen in China kritisieren, dann wohl auch deshalb, weil sie China als unliebsamen Konkurrenten mit Misstrauen betrachten. Gleichzeitig investieren die Unternehmen aber dort weiter in der Aussicht auf neue fette Gewinne. Die Verhältnisse in China sind nur ein Spiegelbild der globalen Ungleichheit. Während die Profite in die Höhe schnellen, der Reichtum weniger ins Unermessliche wächst und eine konsumfreudige Mittelschicht dabei mitnascht, wird ein großer Teil der Menschheit in Unwissenheit, Armut und Elend gehalten. Kriege, Gewalt und das Anwachsen fanatischer Bewegungen sind Ausdruck der zunehmenden Aussichtslosigkeit, unter der so viele Menschen leiden.

Quelle: A World To Win News Service, November 2007

erschienen in: Talktogether Nr. 24/2008