Tibet: Proteste auf dem Dach der Welt PDF Drucken E-Mail

Unruhe auf dem Dach der Welt

Würden die Olympischen Spiele heuer nicht in China stattfinden, hätte das tibetische Problem wohl nicht so große Aufregung ausgelöst. Doch dank der intensiven Medienpräsenz hat der Schrei des tibetischen Volkes weltweite Aufmerksamkeit erregt. Zu Recht, denn die ungerechte und repressive Politik der chinesischen Regierung fordern unseren entschiedenen Protest.

Wenn man die Medienberichterstattung verfolgt, fällt jedoch auf, dass es offenbar opportun ist, China in Bezug auf Tibet oder Darfur anzuprangern. Während sich für Tibet und Darfur nicht nur PolitikerInnen sondern auch Hollywoodstars einsetzen, ist es dagegen nicht akzeptabel, Israel wegen seiner Politik der kollektiven Bestrafung der Bevölkerung Gazas zu kritisieren. Wenn man die Szenen an den Grenzzäunen betrachtet, sieht man verzweifelte Menschen, die nach Wasser, Nahrung und einem menschenwürdigem Leben schreien. Doch Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu zeigen, kann sogar negative Folgen nach sich ziehen.

Während Frankreichs Präsident Sarkozy kritisierte, dass chinesische Soldaten tibetische Demonstranten niederknüppeln, verkündete er selben Atemzug seine Absicht, weitere Truppen nach Afghanistan zu schicken. Was machen französische Soldaten in Afghanistan, pflanzen sie dort etwa Blumen? Nicht zu vergessen ist auch seine Vorgangsweise gegenüber den Jugendlichen in den Vorstädten vor nicht allzu langer Zeit.

Es stellt sich hier die Frage, ob angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Abu Ghraib und Guantanamo, der Besatzung des Irak, Afghanistans oder  indirekt Somalias ebenfalls über Boykotte gesprochen  würde, wenn die Olympiade in den USA und nicht in China stattfände.

 

Wenn es auch schwierig ist, verlässliche Informationen aus Tibet zu bekommen, kann man doch sagen, dass es sich hier um den größten Ausbruch von Protesten gegen die chinesische Besatzung seit 20 Jahren zu handeln scheint. Die Forderung nach kultureller und religiöser Unabhängigkeit ist nur ein Faktor für den Aufstand in Tibet. Tibetische Regierungsbeamte werden von den chinesischen Machthabern unter Druck gesetzt, dem Dalai Lama abzuschwören, und es ist verboten, die tibetische Flagge zu hissen. Auch die tibetische Kultur, Sprache und Religion werden zweifellos unterdrückt. Darum fordern die Menschen ihr Recht auf Freiheit.

Was die Medien jedoch nicht erwähnen, ist, dass es auch tiefere wirtschaftliche und politische Ursachen gibt, die zu dieser Eruption geführt haben. Ein Indiz dafür sind die Massen von wütenden Tibetern, darunter viele arbeitslose Jugendliche, die Symbole der kapitalistischen Entwicklung wie Filialen der Bank of China, Hotels und Geschäfte attackierten und in Brand steckten.  Das tibetische Volk ist nämlich nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich benachteiligt und hat von Entwicklungen wie dem Bau der Eisenbahn und dem Aufkommen des Tourismus kaum profitiert. Die politische Macht und die Wirtschaft in Tibet sind in Händen von dort angesiedelten und eingewanderten ChinesInnen, während die TibeterInnen vom wirtschaftlichen Aufschwung weitgehend ausgeschlossen blieben.  

Ihr Leben ist von Arbeitslosigkeit in den Städten und Verelendung auf dem Land gekennzeichnet. Diese Kluft zwischen Reich und Arm erzeugt Rassismus, Verachtung und Misstrauen zwischen den wohlhabenden und den benachteiligten Bevölkerungsgruppen.

Tibets Bevölkerung hat sowohl Freiheit und Unabhängigkeit, als auch die Solidarität aller freiheits- und gerechtigkeitsliebenden Menschen und die Unterstützung ihrer Forderung nach einem Ende von kultureller und politischer Unterdrückung verdient.  

Viele der SympathisantInnen, die sich heute mit zahlreichen
E-mail-Kampagnen für die Freiheit Tibets einsetzen, haben allerdings die Vorstellung, dass Tibet vor 1949 ein Shangri-La des Friedens und der Harmonie gewesen sei. Tatsächlich herrschte damals jedoch ein grausames theokratisches Regime, dass die Religion dazu benützte, um die feudale Unterdrückung zu rechtfertigen. Zu den kargen Lebensbedingungen kam eine extreme Ausbeutung der versklavten Bauern. Die Armut und der Mangel, unter denen die Menschen litten, waren so groß, dass das Land von einem eklatanten Bevölkerungsschwund bedroht war – die Bevölkerungszahl war in nur 150 Jahren auf die Hälfte geschrumpft – wie sogar der Dalai Lama (1) zugegeben hat. Es ist noch zu erwähnen, dass dieser auch seine frühere Zusammenarbeit mit dem CIA eingestehen musste.

Heute schwankt der Dalai Lama, der vom Westen als Führer des tibetischen Volkes favorisiert wird, zwischen einem Arrangement mit der chinesischen Regierung und einer Integration Tibets in den Westen. Man kann sich aber des Verdachts nicht erwehren, dass es bei der heuchlerischen Unterstützung des Westens für Tibet nicht nur um die legitimen Rechte des tibetischen Volkes geht, sondern dass auf diese Weise auch versucht werden könnte, einen strategisch, wirtschaftlich, politisch und militärisch mächtigen Konkurrenten zu schwächen. Schließlich könnte die Abspaltung Tibets den Anfang des Auseinanderbrechens des chinesischen Vielvölkerstaates bedeuten.

(1): Freedom in Exile - Autobiographie des Dalai Lama, 1991

erschienen in: Talktogether Nr. 24/2008