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Der 8. März - Internationaler Frauentag 

Hört ihr die Rufe der Frauen in den Sweatshop-Fabriken, die Spielzeug und Mode für die westliche Konsumgesellschaft produzieren, ihren eigenen Kindern aber niemals Spielzeug kaufen können, jedoch durch Arbeitsunfälle und an Erschöpfung sterben?

Hört ihr die Schreie der Frauen im Irak, die von Soldaten vergewaltigt werden, die im Namen der Namen der Religion niedergedrückt und im Namen der Ehre ermordet werden?

Hört ihr das Weinen der Frauen in Afghanistan, deren Körper und Seelen zum Schlachtfeld der Kämpfe zwischen Taliban und westlichen Besatzern gemacht werden?

Hört ihr das Flehen der Mädchen, deren Träume und Hoffnungen zerstört werden, die an Bordelle verkauft oder mit Zwang von ihren Familien fortgerissen und an alte Männer verheiratet werden?

Hört ihr die Schreie der Frauen, die täglich vergewaltigt, mißbraucht und geschlagen werden? Habt ihr gehört, dass patriarchalische Unterdrückung und Gewalt an Frauen auch in Europa wieder ständig zunehmen?

Hört ihr die Frauen, die den ganzen Tag schuften und laufen und trotzdem nicht genug Geld zusammenbekommen, um die Miete zu bezahlen und ihre Kinder zu ernähren?

Hört ihr auch die stummen einsamen Schreie der alten Nachbarin, die nach einem Leben voller Mühen und Entbehrungen einsam in ihrer Wohnung auf den Tod  wartet?

Es war der Anfang des 20. Jahrhunderts, als die vielsprachigen Rufe Tausender Frauen wie ein Donner durch die eisigen Straßen New Yorks hallten. Es waren Frauen, die von Unterdrückung, Not und Hunger aus ihren Ländern getrieben worden waren und in Amerika auf ein besseres Leben hofften. Doch sie wurden in ihren Hoffnungen betrogen und landeten in Sweatshops, Textilfabriken, in denen sie von früh morgens bis spät abends ohne Pause Kleider für andere nähten, aber für ihre Arbeit nicht einmal genug bekamen, um sich selbst warme Kleider zu kaufen. Aber diese Schreie waren keine Seufzer der Verzweiflung und kein Jammern in der Not. Die Frauen hatten die Küchen und Fabriken hinter sich gelassen, um auf die Straße zu gehen, voller Entschlossenheit, nicht mehr zu schweigen und Ausbeutung und Ungerechtigkeit nicht länger hinzunehmen. Ihre Parolen forderten bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten. Sie protestierten aber auch gegen die elenden Wohn- und Lebensbedingungen, unter denen die Frauen der ArbeiterInnenklasse noch mehr zu leiden hatten als die Männer.

Der Kampf dieser Frauen war der Anlass für die nordamerikanischen Sozialistinnen, 1909 das erste Mal einen nationalen Frauenkampftag durchzuführen, um für die Ideen des Sozialismus zu werben und das Frauenwahlrecht zu propagieren. Auf Initiative von Clara Zetkin verkündete die Sozialistische Internationale im August 1910 die alljährliche Durchführung eines internationalen Frauentages und rief die Frauen der Welt dazu auf, ihre Stimme gegen Ausbeutung und Krieg zu erheben. Dieser Tag ist seitdem zu einem Tag geworden, an dem die Frauen überall auf der Welt sich zusammentun, um ihre Rechte als Frauen und Menschen einzufordern.

In den frühen 1970er Jahren entstand eine neue autonome Frauenbewegung. Die gesellschaftliche Trennung in öffentliche und private Bereiche wurde von ihr nicht akzeptiert. Mit dem Prinzip „das Private ist politisch“ deckten die Frauen Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft auf - in der Familie, der Sexualität, in den Rollenzuschreibungen von Mann und Frau. Sie konfrontierten die Öffentlichkeit mit Forderungen wie der Einrichtung von Frauenzentren, Frauenhäusern und Beratungsstellen und eine frauenspezifische Infrastruktur, Maßnahmen, die für Frauen notwendig seien, um in dieser Gesellschaft ein menschenwürdiges Leben und Arbeiten zu realisieren.

Was hat uns die Frauenbewegung gebracht?

Zweifellos hat die Frauenbewegung viel erreicht, zumindest in den meisten Ländern, in denen es sie gibt. Heute haben wir Frauen das Recht zu wählen, uns scheiden zu lassen und haben Zugang zu Verhütungsmitteln. Wir haben das Recht zu studieren und die meisten Frauen haben zumindest einige Zeit ihres Lebens die Erfahrung von Arbeit außerhalb des Hauses gemacht. Sogar das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ hat den Eingang in die bürgerlichen Gesetzbücher gefunden. Eine große Anzahl von Haushaltsgeräten erleichtert uns die Bürde der Hausarbeit.

Viele Männer meinen deshalb: Ihr Frauen habt doch schon alles bekommen, was wollt ihr denn noch? Diese Rechte wurden uns Frauen nicht geschenkt, sondern durch harte und ausdauernde Kämpfe errungen. Doch dieser Kampf ist noch lange nicht beendet. Die Realität sieht so aus, dass noch immer ein Großteil der Frauen die am schlechtesten bezahlten Berufe ausüben. Während auf viele Männer nach einem harten Arbeitstag zu Hause ein warmes Essen wartet, beginnt für die Frauen nach der Arbeit wieder Stress: die Kinder vom Kindergarten abholen, einkaufen und Essen kochen. Wie viele berufstätige Frauen sehnen sich nach einer langen Arbeitswoche nach dem Wochenende und sind dann am Montag, wenn sie wieder zur Arbeit kommen, froh, der häuslichen Enge und der Eintönigkeit der Hausarbeit wieder zu entkommen?

Es fehlt uns noch immer an fast allem, was wir für ein selbstbestimmtes Leben benötigen: Arbeitsverhältnisse mit gerechten Löhnen und erträglichen Arbeitsbedingungen, bedürfnisorientierte Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sowie geeignete Kinderbetreuungsplätze und Unterstützung bei Haushalt und Kindererziehung. Noch immer wird die Arbeitskraft der Frauen grenzenlos ausgebeutet. Noch immer werden Frauen geschlagen, misshandelt, vergewaltigt, und das Bewusstsein der Gewalt hat sich in die Psyche der Frauen eingeprägt. Der Körper der Frau wird in der Werbung, der Pornografie oder in den Gen- und Reproduktionstechnologien vermarktet. Heute erleben wir sogar die Zunahme einer erniedrigenden Frauenfeindlichkeit, die sich z.B. in der Pop-Kultur widerspiegelt, ein Spiel, bei dem – das muss auch gesagt werden – viele Frauen mitmachen.

Heute müssen wir erkennen, dass uns das Recht zu arbeiten, zu wählen, zu studieren und elektrische Haushaltsgeräte zu benützen nicht von der wirtschaftlichen Abhängigkeit befreit hat, so wie es uns unsere politischen Rechte nicht ermöglicht haben, die Gesellschaft grundsätzlich zu verändern. Die Reformen haben uns nicht nur nicht befreit, sondern sie lassen uns die Unterdrückung sogar noch schmerzlicher spüren. Tatsächlich hat uns die bürgerliche Gesellschaft alles gegeben, was im kapitalistischen System möglich ist. Aber wenn die Unterdrückung nicht in der Abwesenheit von gesetzlichen Rechten wurzelt, woher kommt sie dann?

Den Männern die Schuld zu geben, erscheint ähnlich kurzsichtig, wie wenn Arbeiter ihren Zorn gegen die Maschinen richten. Die Schauspieler sind es nicht, die das Drehbuch schreiben. Wie aber kann sich die Frau aus der passiven Rolle als Objekt befreien, ohne sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit zu befreien? Der Kapitalismus, sonst gierig auf Transformation und Erneuerung, beschützt eine der altertümlichsten Einrichtungen, die patriarchalische Familie, in der die zukünftigen Generationen von ArbeiterInnen erzogen werden. Die Dienste, die die Frauen dabei leisten, sind für das kapitalistische System überlebenswichtig. Aber genau diese Dienste, nämlich Windeln zu wechseln, Gemüse zu schneiden und schmutzige Wäsche zu waschen, sind auch der Grund für ihre Ketten.

Frauen, ihr könnt die WegbereiterInnen für eine freie Zukunft sein!

Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir nicht darauf hoffen können, unsere Probleme lösen zu können, wenn wir nur Reformen in der Gesetzgebung anstreben. Wir Frauen müssen darum kämpfen – wie alle anderen Teile der Bevölkerung auch –  in alle Ebenen der Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden, denn ohne Frauenbefreiung gibt es auch keine Befreiung der Gesellschaft. Frauen sind nicht nur die Opfer einer speziellen Unterdrückung, sondern haben sich in zahlreichen Widerstands- und Befreiungsbewegungen als unerschrockene Vorkämpferinnen ausgezeichnet. Sie haben erkannt, dass sie nichts zu verlieren haben außer ihren Ketten. Und die Tugenden, die sie über Jahrhunderte durch ihre Rolle in der Familie entwickelt haben – Solidarität, Fürsorge und Gemeinschaftsdenken –, diese Eigenschaften sind es auch, die sie für eine führende Rolle im Kampf um die Befreiung der Gesellschaft qualifizieren.

erschienen in: Talktogether Nr. 23/2008