Portrait: Harjrija Hrustanovic: PDF Drucken E-Mail

Hajrira Hrustanovic: "Bis jetzt habe ich in meinem Leben oft geweint. Deshalb möchte ich von mir erzählen. Und zwar die Wahrheit."

"Das Buch lag schon ein Jahr lang im Schrank und ich habe es nicht angesehen. Eines Abends nahm ich es in die Hand", erzählt uns Hajrija. "Ich blätterte irgendeine Stelle in der Mitte des Buches auf, so wie ich das immer mache, und begann zu lesen". Es handelt sich um das Buch von Jasminka Halilagic "Der Schrei Srebrenicas", das ihr ein Schulinspektor in Tuzla gegeben hatte. "Dort las ich die Geschichte einer Frau, die schwanger war, mit zehntausend Menschen zusammen in einem Flüchtlingslager in Srebrenica, in der Hitze ohne Wasser. Nur mit der Unterstützung einer alten Frau brachte sie dort ihr Kind zur Welt. Die Freude über die Geburt des Kindes wurde jäh zerstört durch den Stiefel eines Tschetnik-Soldaten, der das Neugeborene mit einem Fußtritt tötete. „Ich warf das Buch weg, es hatte mich so aufgeregt, dass ich nicht mehr schlafen konnte!" Als sie uns diese Geschichte erzählt, erkennen wir, wie sehr das Leid dieser Frau ihr Innerstes berührt hat. Erst als sie das Gedicht geschrieben hatte, erzählt sie, gelang es ihr, sich wieder ein bisschen zu beruhigen.

Die aus ihrer Heimat vertriebene Hajrija Hrustanovic hat in ihrem Leben viel Trauer und Schmerz erlebt. Sie stammt aus der Gegend von Zvornik an der Drina, nahe der Grenze zu Serbien, wo sie eine geachtete Position als Gerichtsschreiberin hatte. Doch schon bevor der Krieg ausbrach, ahnte sie die bevorstehende Katastrophe. Im Traum sah sie ihr Heimatdorf Krisevici zerstört, eine Ahnung die sich später bewahrheiten sollte. "Jetzt ist dort alles zerstört, das ganze Dorf dem Erdboden gleichgemacht, sowohl die Schule als auch die zwei Moscheen, alles ist verschwunden. Nur mehr nackte Ödnis gibt es dort, keinen Stall, nicht einmal einen Hühnerstall, wie sollte da ein Haus stehen?" Sie drängte ihre Familie zu fliehen, doch niemand nahm ihre Befürchtungen ernst. Zwei Tage vor Kriegsausbruch fuhr sie mit ihren Kindern und 200 DM in der Tasche zu Verwandten nach Belgrad, ihr Mann folgte. Da das Haus der Verwandten bald voll war, reiste sie in die Türkei, schließlich gelangte die Familie nach Österreich, wo sie in einem Flüchtlingslager in Linz, der Mozartschule mit aufgestellten Feldbetten, landete. Dort wurde Hajrija von ihrem Mann verlassen. Doch die Trauer war noch nicht zu Ende, es kam noch schlimmer.

Hajrija sucht Arbeit um ihre Kinder zu ernähren und zog nach Gmunden, wo sie Arbeit in einem Gasthaus gefunden hatte. Dort widerfuhr ihr ein Unrecht, dass ihr Leben aus den Bahnen warf. Von einer Arbeitskollegin wurde ihr Gesicht beschmutzt – wurde sie von den Wirtsleuten des Diebstahls bezichtigt. Dadurch fühlte sie sich so gedemütigt und in ihrer Ehre verletzt, dass ihr die Worte fehlten. Tagelang versank sie in Depression.

Kurz danach, einen Tag nach dem Sieg über den Faschismus (Hajrija ist mit diesem Datum eng verbunden, mit dem Schreiben Sieg über sich selbst, so wie der Faschismus besiegt wurde) – also am 9. Mai , als ihr Sohn im Garten den Rasen mähte, hatte sie eine Vision, die sie in ihre Kindheit zurückversetzte; sie sah ihren verstorbenen Vater, irgendwo heulte eine Sirene auf und sie hörte sattdessen die Lämmer und Schafe, hörte statt des Rasenmähers die Geräusche der Rasenmaschine (größeres Gerät um das Gras zu schneiden). Obwohl sie früher nie daran gedacht hatte ein Buch zu schreiben, schon gar nicht über sich selbst, verspürte sie plötzlich den Drang alles aufzuschreiben. Sie rief ihre Tochter ihr etwas Papier zu bringen, die brachte ihr einen Tischkalender der Volksbank. Sie begann sich alles von der Seele zu schreiben und schrieb elf Tage lang, bis das Buch fertig war. Dabei ging es ihr nicht um Literatur, sie wollte eine Antwort finden, auf das Unrecht, das sie erlitten hatte: "Bis jetzt habe ich in meinem Leben oft geweint. Deshalb möchte ich von mir erzählen. Und zwar die Wahrheit."

Zur Religion hatte sie sich immer hingezogen gefühlt, obwohl ihr Vater, ein überzeugter und engagierter Kommunist, ihr verboten hatte, die Moschee zu besuchen. Die Religiosität half ihr in ihrer Verzweiflung und Verlorenheit wieder Halt zu finden. Seit sechs Jahren trägt Hajrija ein Kopftuch, das sie wie einen Schirm empfindet, der sie beschützt. "Heute würde ich lieber ohne Schuhe auf die Straße gehen, als ohne Kopftuch", sagt sie und erträgt gelassen feindselige Blicke und Bemerkungen. Wie auf der ÖGB-Demonstration, an der sie teilnahm, wo ein Gewerkschafter schimpfte: "Sind wir hier etwa in der Türkei?" Einmal ging sie zu einem Salzburger Politiker, erzählt sie, um zu kritisieren, dass in der "Salzburgs SynChronik" (Verlag Alfred Winter, ich weiß nicht, ob wir den nennen sollen, bei dem war sie nämlich) nicht einmal mit einem Satz erwähnt wurde, das Tausende bosnische Flüchtlinge nach Salzburg gekommen waren und hier während der Kriegsjahre lebten. Doch dieser Mann hatte nichts als eine verächtliche Bemerkung für sie übrig und erwiderte zynisch (wegen des Kopftuchs hielt er sie wohl für eine Türkin): "Was würde ein österreichischer Soldat sagen, der gegen die Türken gekämpft hat, wenn er sehen würde, dass heute so viele Türken in Österreich leben?"

Religion ist für Hajrija eine private Sache, genauso wie das Tragen des Kopftuches und sie lehnt es ab, dass sie/es aufgezwungen oder für die Politik missbraucht wird. Stolz und mit energischen Schritten geht Hajrija heute durch die Welt, entschlossen nicht zu Unrecht und Verachtung zu schweigen und sich nicht mehr durch Demütigungen und Beleidigungen erniedrigen zu lassen. Mit Hilfe ihrer Gebete und indem sie ihre Erlebnisse und Gefühle aufschrieb, hat sie beschlossen, sich selbst wichtig zu nehmen und sich gegen Angst und Depression zu wehren. Das erste Buch wurde unter dem deutschen Titel: "Nichts ist vergangen - eine Bosnierin erzählt" im Drava-Verlag veröffentlicht und sogar auf Arabisch übersetzt. Aber nicht Kriegsgreuel und Gewalt, aber auch nicht Erinnerungen an eine vermeintlich heile Welt, sondern die alltäglichen Widersprüche und Verletzungen sind es, die sie in ihren Erinnerungen aufarbeitet. Sie hat ihr Buch in mehreren Lesungen in ganz Österreich vorgestellt und hat inzwischen zwei weitere Bücher geschrieben. Heute lebt Hajrija mit ihren zwei erwachsenen Kindern in Salzburg. 

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004