Bolivien: Der Krieg um das Erdgas PDF Drucken E-Mail

Ein Volk findet seine verlorene W√ľrde wieder

Der Zorn der Bev√∂lkerung kochte √ľber, als die Regierung im September 2003 den Verkauf der nat√ľrlichen Erdgasvorkommen ank√ľndigte. W√§hrend ein gro√üer Teil der Bev√∂lkerung nicht einmal Heizung in Licht in ihren Wohnungen hat, plante die Regierung das erst k√ľrzlich entdeckte Erdgas an ein internationales Konsortium angef√ľhrt vom spanischen Konzern Repsol, British Gas und Panamerican Gas, einer Tochter des skandalumwitterten US-Konzerns Enron zu verkaufen. Pipelines sollten gebaut werden, um das Gas an die chilenische K√ľste zu transportieren und es von dort nach Kalifornien und Mexiko zu verschiffen. Pr√§sident S√°nchez nannte das Projekt ein "Geschenk Gottes" und enth√ľllte damit, dass sein "Gott" globale Banken und √Ėlfirmen besitzt.

 

Einen Monat lang ersch√ľtterte eine Volkserhebung die Andent√§ler Boliviens und zwang den verhassten Pr√§sidenten Gonzalo S√°nchez de Lozada zum R√ľcktritt. Wie schon immer in der blutigen Geschichte des Landes antwortete die Regierung auf den Protest mit scharfer Munition. Der Pr√§sident, ein Million√§r und Eigent√ľmer der gr√∂√üten privaten Minengesellschaft des Landes, floh in die USA und hinterlie√ü einen Platz voller Leichen.

 

Bergleute und Bauern aus allen Teilen des Landes schlossen sich zusammen um sich gegen die Ausbeutung und den Raub der nat√ľrlichen Ressourcen ihres Landes zu wehren. Mit der Unterst√ľtzung von gro√üen Teilen der Bev√∂lkerung - LehrerInnen, LKW- und Taxifahrer sowie Krankenhauspersonal waren beteiligt - leisteten sie wochenlang mit Streiks und Stra√üenblockaden Widerstand. Tausende Menschen gingen auf die Stra√üe und riefen: "Goni (so wird der Pr√§sident von der Bev√∂lkerung genannt), geh zur√ľck nach Washington"!

 

Bolivien ist S√ľdamerikas √§rmstes Land. Eine kleine Elite von 4,5% besitzt 80% des fruchtbaren Landes, w√§hrend sich die armen Bauern auf den steinigen Feldern in den Hochgebirgsregionen abm√ľhen und ums nackte √úberleben k√§mpfen. Au√üerdem wurden im Norden des Landes durch die US-Kampagne gegen den Coca-Anbau zahlreiche Felder zerst√∂rt und die Menschen ohne Einkommensquelle zur√ľckgelassen.

 

Seit f√ľnf Jahrhunderten ist der nat√ľrliche Reichtum des Landes ein Fluch f√ľr die EinwohnerInnen. In der Kolonialzeit war es das Silber aus Potos√≠, das den Aufschwung der Industrie in Europa mitfinanziert hat. Der Schriftsteller Eduardo Galeano beschreibt den Silberberg:

 

"Dieser 'Cerro Rico', der 'reiche Berg' verschlang Indios. Die indigenen Gemeinden verloren ihre m√§nnlichen Einwohner, die aus allen Richtungen als Gefangene in¬†seinen Schlund¬†getrieben wruden, der in die Minen f√ľhrte. Drau√üen herrschte eisige d√ľnne H√∂henluft, drinnen die¬†H√∂lle. Von zehn, die hineingingen, kamen nur drei lebendig wieder heraus. Doch die Minenarbeiter, die nicht lange √ľberlebten, erzeugten den Reichtum der fl√§mischen, genuesischen und Augsburger Bankiers, der Geldgeber der spanischen Krone. Es waren die Indianer, die Europa zu dem gemacht haben, was es heute ist. Was ist davon in Bolivien geblieben? Ein¬†ausgeh√∂hlter Berg und Hunderttausende tote Indios, durch Ersch√∂pfung ermordet." (Bolivien, ein Land will leben, 2003)

 

Im 20. Jahrhundert war Bolivien der wichtigste Zinnlieferant. W√§hrend in den Tiefen der Bergwerke die Lungen der Minenarbeiter durch den giftigen Staub zerst√∂rt wurden, damit die Welt billiges Zinn bekam, half die boliviansiche Regierung im Zweiten Weltkrieg den Alliierten, indem sie das kostbare Mineral um nur ein Zehntel des √ľblichen Preises verkaufte. Die L√∂hne wurden praktisch auf Null gesenkt und die Streiks der Arbeiter mit Maschinengewehren niedergedr√ľckt.

 

Doch das bolivianische Volk ist nicht mehr bereit, Verrat und Verachtung zu ertragen. Im Jahr 2000 entflammte ein Volksaufstand in Cochabamba gegen die Privatisierung des Wassers. Nachdem die Wasservorr√§te an den US-Konzern Bechtel verkauft wurden, waren die Preise so gestiegen, dass die Menschen es sich kaum mehr leisten konnten, zu trinken oder sich zu waschen. Den Menschen gelang es, ihr Wasser wieder zur√ľckzuerobern, der Konzern Bechtel erhielt als "Trost" Millionenauftr√§ge im Irak.

 

Der Aufstand des bolivianischen Volkes gegen den Ausverkauf der Erdgasvorkommen begann Ende September 2003, als die Bergleute und Bauern einen Generalstreik ausriefen und begannen, die Stra√üen nach La Paz zu blockieren. Dei bolivianische Regierung schickte Truppen, um die Stra√üenblockaden aufzubrechen. Doch die Campesinos im Dort Warisata in der N√§he des Titicaca-Sees waren entschlossen, die Barrikaden mit allen Mitteln zu verteidigen. In diesem Kampf massakrierte die Armee f√ľnf Bauern.

 

Im Oktober wurde El Alto, eine verarmte Industriestadt zum Zentrum des Aufstands. Viele der jungen Arbeiter wurden durch die neoliberalen Reformen arbeitslos und haben sich radikalisiert. Einige Nachbarschaftskomitees √ľbernahmen in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Volksk√ľchen die Organisation des Protests. Durch Stra√üensperren in El Alto wurden die Konvios der Gastanker gehindert, die Hauptstadt zu erreichen. Als die Armee in die Stadt eindrang, wehrten sich die Menschen mit allem, was ihnen zur Verf√ľgung stand: mit St√∂cken, Steinen und Schleudern. W√§hrenddessen besetzten Bergleute in Huanani die Minen des Pr√§sidenten.

 

Eine Reihe von Massakern folgte. Mindestens 50 Menschen wurden von den Soldaten erschossen. Die Regierung schickte Todesschwadronen aus: vermummte M√§nner bombardierten Radiostationen und jagten die F√ľhrer der Aufst√§ndischen. W√§hren in Bolivien die Arbeiter ermordet wurden, verk√ľndete in Washington Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice die Unterst√ľtzung der USA f√ľr die "demokratische" Regierung von S√°nchez. Die bolivianische Armee verstand, wem sie zu gehorchen hatte, und verk√ľndete ihrerseits die volle Unterst√ľtzung f√ľr den Pr√§sidenten.

 

Der Generalstreik kam in seine dritte Woche und hatte sich von seinen Zentren in andere Gebiete ausgeweitet. Am 13. Oktober leerten sich die Straßen von El Alto und ein riesiger Menschenstrom marschierte in die Hauptstadt La Paz und lähmte dort das gesamte öffentliche Leben. Gemeinsam mit den Slumbewohnern der Vorstädte verschafften sich die Demonstranten Zutritt ins Zentrum der Stadt und kreisten den Präsidentenpalast ein. Am 14. Oktober fanden Begräbnisse und Märsche zum Gedenken der Ermordeten statt, während neue Delegationen von Bauern die Stadt erreichten. AM 15. Oktober wurden Tausende Bergarbeiter in den Minen von Huanani von der Armee angegriffen. Als sich die Regierung in den Palästen von La Paz beriet, wruden an den Polizeistationen weiße Fahnen als Zeichen der Neutralität angebracht. Eine Organisation von Polizistenfrauen organisierte sogar eine Demonstration zum Schutz der Barrikaden um sicherzustellen, dass kein Polizist die Menschen angriff.

 

W√§hrend sich in La Paz der US-Botschafter mit Vizepr√§sident Carlos Mesa traf, war "Goni" schon im Flugzeug nach Miami. Mesa k√ľndigte ein paar Zugest√§ndnisse an, doch er machte das Pipeline-Projekt nicht r√ľckg√§ngig. Der Krieg um das Erdgas ist noch lange nicht gewonnen und die korrupte Elite Boliviens an der Macht geblieben. Doch die Kraft und die Entschlossenheit des bolivianischen Volkes ist atemberaubend. Durch den Kampf f√ľr ihr Selbstbestimmungsrecht wurden die Massen mobilisiert und haben sich organisiert. Diese seit Jahrhunderten missachteten und betrogenen Menschen haben ihren Stolz und ihre W√ľrde wieder gefunden und erfahren, was sie mit Einigekeit udn Geschlossenheit zustande bringen k√∂nnen. Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004