Adelheid Popp: Vom Einwandererkind zur Kämpferin für soziale Gerechtigkeit PDF Drucken E-Mail

 Mit Entschlossenheit und Courage zum Ziel

Adelheid Popp hat die Härte des Arbei­ter­lebens am eigenen Leib erfahren. Die schönste Zeit sei ein Krankenhausaufent­halt gewesen, nachdem sie mit 13 Jahren aus Erschöpfung zusammengebrochen war, erzählte sie über ihre Jugend. Sie wurde 1869 als Adelheid Dworak als 15. Kind einer böhmischen Arbeiterfamilie geboren. Der Vater starb, als sie sechs Jahre alt war, die Mutter war Fabrikar­beiterin und ernährte die Familie. Um die Schule besu­chen zu können, erbettelte sie bei einer reichen Dame Schuhe. Doch mit zehn Jahren musste sie die Schule wieder verlassen um zu arbeiten. Sie häkelte Schafwolltücher und verrichtete Näharbeiten. Mit 14 Jahren kam sie dann in die Fabrik.

Das Elend der Arbeiterklasse

Wie Hunderttausende, die ihre Lebensgrundlage in der Landwirtschaft verloren hatten, waren auch Adelheids Eltern nach Wien ausgewandert um Arbeit zu suchen. Die einheimische Bevölkerung begegnete den Zuwanderern mit Misstrauen und Angst, vor allem die Sprache stellte ein Problem dar. Während das Bürgertum in dieser Zeit große wirtschaftliche Erfolge feierte und große technische Fort­schritte erreicht wurden, lebten die Arbeiter in grausamem Elend. Die Wohnverhältnisse waren katastrophal: Zehn bis zwanzig Menschen lebten auf 20 Quadratmetern, viele mussten sich ein Bett teilen. Ein Fachar­beiter verdiente damals 10 Gulden pro Woche, ein Hilfsarbeiter 5 Gulden und Frauen gar nur 2,50 Gulden – damit konnte man gerade 7 Laib Brot kaufen. Die Arbeitszeit betrug 12 bis 14 Stunden pro Tag. Wer sich verletzte oder krank wurde, wurde sofort entlassen, denn vor den Fabriktoren warteten bereits Tausende Arbeitssuchende. Da Zuwanderer von der Armen­für­sorge ausgeschlossen waren, blieb ihnen beim Verlust des Arbeitsplatzes nur mehr das Betteln. Dass bei diesen Verhältnissen auch die Kinder arbeiten mussten, war selbstverständlich. Durch Armut, Hunger, Kälte und mangelnde ärztliche Versorgung stieg die Kindersterblichkeit an - von 100 Kindern starben 35 bevor sie das erste Lebensjahr erreichten. Die Tuberkulose wurde zur Volkskrankheit.

„Mann der Arbeit aufgewacht, steh auf, erkenne deine Macht!“

In dieser Zeit verbreiteten sich die Ideen von Marx und Engels und die Arbeiterbewegung begann sich zu organisie­ren. Die Arbeiterklasse entwickelte sich zur politischen Kraft und forderte Respekt von den Herrschenden. Die Arbeiter wollten nicht mehr auf Mildtätigkeit angewiesen sein, sondern erhoben Anspruch auf ihr Menschenrecht. Konsumvereine und Arbeiterbildungsvereine wurden gegründet. Da die Masse der Arbeiter zu sehr in persönli­ches Elend verstrickt war, waren es vor allem die gebildeten Facharbeiter, die als Agitatoren auftraten. Die Forderungen der Arbeiter waren: der 10-Stunden-Arbeitstag, das Verbot der Kinderarbeit, die Auflösung des stehenden Heeres und eine allgemeine Volksbewaffnung, die Krankenversicherung sowie das Vereins- und Versammlungsrecht sowie das allgemeine, freie und direkte Wahlrecht, auch für die Frauen. Die Bewegung stand in engem Kontakt mit den Arbeiterbewegungen in ganz Europa. Im ganzen Habsburgerreich wurden Hunderte Arbeitervereine gebildet, als radi­kale Zentren entwickelten sich Graz und Wiener Neustadt. Nach dem Börsenkrach 1873 verschärfte sich die Lage zusehends, Zehntausende verloren die Arbeit und Tausende wurden abgeschoben. Die Arbeiterbewegung wurde unterdrückt und kriminalisiert, ihre Versammlungen wurden aufgelöst.

Kämpferin für Frauenrechte

Beeindruckt von den flammenden Reden der Arbeiterführer schloss sich Adelheid mit 17 Jahren der sozialdemokrati­schen Bewegung an. Mit 21 Jahren hielt sie ihre erste Rede, gänzlich unvorbereitet aber voller Enthusiasmus. Von nun an sprach sie jeden Sonntag in Wien und Umgebung und trotzte spöttischen Bemerkungen mancher männlicher Genossen. Sie begann sich zu bilden und die Werke der Arbeiterbewegung zu lesen. Obwohl sie nur drei Jahre die Volksschule besucht hatte, brachte sie sich die Rechtschrei­bung selbst bei und wurde Journalistin bei der „Arbeiter­zeitung“. Einmal gelang es ihr, die Zeitung vor der Beschlagnahme durch die Polizei zu retten und die frisch gedruckten Exemplare in einem Kinderwagen aus der Redaktion zu schmuggeln. 1882 wurde sie Mitbegründerin und verantwortliche Redakteurin der „Arbeiterinnenzeitung“, die die Frauen für den revolutionären Kampf zu gewinnen versuchte. Die Zeitung beschäftigte sich nicht nur mit Sozialreportagen über die Lage der Fabrikarbeiterin­nen. Große Aufregung verursachte eine Enthüllung über die Situation der Dienstmädchen. Diese mussten bis zu 18 Stunden täglich arbeiten, hatten kaum freie Tage und waren zusätzlich zu den täglichen Entwürdigungen auch häufig sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Wegen des Artikels „Frau und das Eigentum“ wurde Adelheid Popp 1895 wegen „Herabwürdigung der Ehe“ zu 14 Tagen Gefängnis verur­teilt. Adelheid Popp verfasste u.a. die Broschüre „Die Arbeiterin im Kampf ums Dasein“, die in einer Auflage von 12.000 Stück verbreitet wurde. 1893 organisierte sie einen Frauenstreik die Textilarbeiterinnen für den 10-Stunden Arbeitstag mit.

1885 erkämpfte die Arbeiterbewegung das allgemeine Wahlrecht – allderdings nur für die Männer. 1889 wurde in Hainfeld die „Sozialdemokratische Partei“ mit Victor Adler als Vorsitzenden gegründet. Adelheid Popp trat der neuge­gründeten Partei bei und agitierte bei den Frauen. Sie rief diese auf, sich zu bilden und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dabei musste sie jede Menge Zweifel und Skepsis der Frauen überwinden, die es für sinnlos ansahen, sich politisch zu betätigen, wo ihnen ja doch wieder das Wahlrecht verweigert worden war. Am 1. Mai 1890 marschierten mehr als 100.000 Arbeiter und Arbeiterinnen mit roten Fahnen durch Wien. Adelheid Popp freute sich sehr auf diesen Tag, umso größer war ihre Enttäuschung, dass sie arbeiten musste und nicht am Maiaufmarsch teil­nehmen konnte. 1902 gründete sie den „Verein sozialdemo­kratischer Frauen und Mädchen“. Durch den aufkommenden Nationalismus und dem Ausbruch des 1. Weltkriegs erlitt die sozialdemokratische Bewegung einen Niedergang. Als die Habsburgermonarchie zusammenbrach und 1918 die Republik ausgerufen wurde, wurde Adelheid Popp in den Wiener Gemeinderat gewählt und war von 1919 bis zur Auflösung des Parlaments durch den Faschismus im Jahr 1933 österreichische Parlamentsabgeordnete.

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004