Somalia: Die Rolle der Frau in der Nomadengesellschaft PDF Drucken E-Mail


Warsan und ihre Aufgaben

von Abdullahi A. Osman

Warsan versorgt die Gei√üen und L√§mmer w√§hrend ihre Mutter damit besch√§ftigt ist, die H√ľtte f√ľr die Familie aufzubauen und der Vater die Z√§une f√ľr die Herden errichtet. Die Nomadenfamilie ist gerade auf dem neuen Weideplatz angekommen, den Warsans Vater ausgesucht hat. Der Name Warsan bedeutet ‚Äěgute Botschaft‚Äú und Warsan, die √§lteste Tochter der Familie, ist gerade 7 Jahre alt geworden. Wie es in der nomadischen Gesell¬≠schaft √ľblich ist, haben die j√ľngsten M√§dchen die Aufgabe, die kleinen Tiere zu bewachen und zu versorgen. Je √§lter sie werden, desto gr√∂√üer wird ihre Verantwortung. Das hei√üt: Wenn Warsan zehn Jahre alt ist, wird sie mit den Ziegen und Schafen auf die Weiden und zur Wasserstelle gehen. T√§glich ist sie dann mit Gefahren konfrontiert und muss die Tiere vor Hy√§nen, F√ľchsen und anderen wilden Tieren besch√ľtzen.

Sp√§ter, wenn sie verheiratet ist, wird sie wie ihre Mutter auch die H√ľtte f√ľr die Familie aufbauen, Getreide stampfen und das Essen zubereiten. In der somalischen Nomadengesellschaft spielt die Frau eine den M√§nnern ebenb√ľrtige Rolle. Sie ist die Herrin im Haus, w√§hrend der Mann f√ľr die Suche der Weidepl√§tze verantwortlich ist. Sie arbeitet genauso hart wie die M√§nner,¬† oder vielleicht sogar noch mehr. Deshalb genie√üt die Nomadenfrau hohes Ansehen und ihr wird gro√üe Achtung und Respekt entgegengebracht. Sie wird in alle Entscheidungen einbezogen und um ihre Meinung gefragt. W√§hrend in der Stadt der Mann seiner Frau auftr√§gt, was seinem Gast angeboten wird, ist es bei den Nomaden eine gemeinsame Entscheidung der Familie, wie man den Besuch empf√§ngt.

Obwohl sie nicht schreiben und lesen k√∂nnen, treten die Nomadenfrauen viel selbstbewusster auf als ihre Schwestern in der Stadt, die trotz Schulbildung meistens Hausfrauen und von ihren M√§nnern abh√§ngig sind. Nat√ľrlich gibt es heute in den St√§dten aber auch mehr selbstbewusste Frauen, die verschiedene Berufe aus√ľben, wie Lehrerinnen, Polizistinnen, √Ąrztinnen oder Journalistinnen - wie in allen St√§dten der Welt. Aber etwas haben die M√§dchen auf dem Land und in der Stadt gemeinsam. Bei den meisten somalischen M√§dchen wird im Alter zwischen f√ľnf und sieben Jahren die Beschneidung vorgenommen. Zum Gl√ľck wird diese Praktik in Somalia aber heutzutage nicht mehr so h√§ufig wie fr√ľher durchgef√ľhrt, weil es zahlreiche Aufkl√§rungskampagnen gegen diesen grausamen Brauch gibt. Das zweite √úbel, mit dem die jungen Frauen in Somalia konfrontiert sind, ist die Zwangsverheiratung. Viele junge Frauen werden von ihrer Familie gezwungen, gegen ihren Willen einen Mann zu heiraten, den sie vielleicht nicht einmal kennen.

Die nomadischen Jugendlichen lernen sich nicht in der Schule, sondern auf den Weidepl√§tzen und den Was¬≠serstellen kennen. Vor allem in der Regenzeit, wo sie sich nicht so sehr um die Tiere k√ľmmern m√ľssen, weil es genug Futter und Wasser gibt und selbst die wilden Raubtiere satt sind, treffen sich die Menschen gerne am Abend um gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu plaudern. In der Nomaden¬≠gesellschaft kommt es viel seltener vor, dass eine junge Frau gezwungen wird, einen Unbekannten oder gar einen alten Mann zu heiraten. Wenn einer ein Nomadenm√§dchen wie Warsan heiraten will, muss er bei ihrer Familie um ihre Hand anhalten. Es wird ihm nicht leicht gemacht, denn die Familie will nicht gerne auf die Arbeitskraft der jungen Frau verzichten. Es wird gepr√ľft, wie verl√§sslich der Bewerber ist, und er muss Yarad zahlen, damit die Familie wei√ü, dass ihre Tochter abgesichert ist und nicht verhungert, falls er stirbt oder sie verl√§sst.

In der Stadt ist das anders. Die Eltern haben mehr Eile, ihre T√∂chter zu verheiraten, als auf dem Land. Erstens, weil sie ihre Arbeitskraft nicht ben√∂tigen und zweitens, weil sie Sorge haben, dass ihre Tochter auf die falsche Bahn kommen k√∂nnte und vielleicht sogar schwanger werden oder einen Unbekannten heiraten k√∂nnte. Manche jungen Leute, die sich verliebt haben und deren Familien mit der Wahl nicht einverstanden sind, laufen von zu Hause weg und heiraten heimlich. Diese Frauen k√∂nnen aber sp√§ter nicht zu ihrer Familie zur√ľckzukehren, falls die Ehe nicht funktioniert. Somit steht sie ohne Familie und ohne Ehemann auf der Stra√üe und das ist das Schlimmste, was einer somalischen Frau passieren kann.

Heutzutage gibt es aber auch in Somalia immer mehr Frauen, die sich gegen die Zwangsheirat wehren und das Recht fordern, den Ehemann selbst zu w√§hlen. Da es keine Sozialversicherung und keine Pension gibt, kann man sich nur auf die Angeh√∂rigen des eigenen Clans verlassen. Deswegen ist es wichtig, dass durch die Ehe die Verwandtschaft zusammen gehalten wird. Heutzutage, wo in Somalia das ganze staatliche System zusammengebrochen ist, ist die Famlienbande noch wichtiger geworden. Ein Familienmitglied, dass im Ausland lebt und arbeitet, unterst√ľtzt seine Familie mit dem Geld, das er nach Hause schickt.


Xeer-Beeg ‚Äď das Nomadengesetz

Xeer (ausgesprochen Heer) bedeutet ‚ÄěGesetz‚Äú und Beeg ‚Äěabw√§gen‚Äú. Beim Xeer Beeg handelt sich dabei um einen Rat, dessen Mitglieder von den Gemein¬≠schaften gew√§hlt und abgesandt werden. Dieser Rat trifft gew√∂hnlich unter einem Baum zusammen. Dort werden Gesetze beschlossen und beraten, wie ein Konflikt in der Nomadengesellschaft ver¬≠mieden oder gel√∂st werden kann. Die Milit√§rdiktatur unter Siad Barre wollte die Nomaden unter ihre Kontrolle brin¬≠gen und bek√§mpfte deshalb das Xeer Beeg, das Jahrhunderte lang f√ľr Frieden und Gerechtigkeit gesorgt hat. Seitdem das Xeer Beeg nicht mehr lebendig ist, finden die Konflikte in Somalia kein Ende mehr. W√§hrend in der Stadt um Macht und Geld gek√§mpft wird, gibt es in der nomadischen Gesellschaft drei Gr√ľnde f√ľr Rivalit√§ten und zwar: Wasser, Weidepl√§tze und Heirat.

  1. Wasser: Wenn mehrere Herdenbesitzer zugleich bei einer Wasserstelle ankommen, will jeder so schnell wie möglich seine Tiere mit Wasser versorgen. Da das Wasser knapp ist kann es manchmal zu Dränglereien oder sogar Schlägereien kommen.
  2. Weide: Nach einer langen D√ľrrezeit ziehen alle an Orte, wo es geregnet hat und frisches Gras w√§chst. Die dort lebende Bev√∂lkerung versucht ihren Bereich zu sch√ľtzen.
  3. Heirat: Falls ein Mann eine Frau aus einem anderem Clan geheiratet hat und sie dann misshandelt, kommen die Angeh√∂rigen ihres Clans sofort zu Hilfe. Zuerst wird der Ehemann zur Rede gestellt. Falls er uneinsichtig ist, dass er verpr√ľgelt wird. Das kann schlimmstenfalls in einem gro√üen Konflikt zwischen den Clans enden.

Doch nach dem nomadischen Gesetz, das Xeer-Beeg genannt wird, muss, um die Gefahr eines Krieges zu vermeiden, erst verhandelt werden, wie das Problem gel√∂st werden k√∂nnte. Manchmal kann eine Heirat aber auch Frieden bringen. Wenn es Krieg zwischen zwei Clans gibt und √ľberall Unruhe herrscht, kann es vorkommen, dass einer kommt und ein M√§dchen aus dem verfeindeten Clan heiraten will. Dann wird ein vorl√§ufiger Waffenstillstand vereinbart und - wie auch sonst √ľblich - √ľber die Heiratsbedingungen gesprochen. Die Kriegssituation spielt keine Rolle im Ehegespr√§ch. Sobald die Hochzeit vereinbart ist, wird von beiden Seiten gefeiert. √úblicherweise bietet dann der Clan des Br√§utigams eine Friedensvereinbarung an.

 

 

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004