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Der Ursprung der patriarchalischen Familie


"Was wollen die Frauen denn?"
schreien in Panik geratene MĂ€nner, „sie haben doch schon alles bekommen!" Es stimmt, dass wir Frauen heute in fast allen LĂ€ndern der Welt die gleichen Rechte vor dem Gesetz haben, zumindest auf dem Papier. Politikerinnen werden als unsere Vertreterinnen von allen Parteien vorgezeigt. Trotzdem sind Frauen ĂŒberall auf der Welt noch immer benachteiligt und unterdrĂŒckt. Sie arbeiten meist in schlecht bezahlten Berufen, allein stehende Frauen mit Kindern und Pensionistinnen sind hĂ€ufig von Armut bedroht. Frauen werden geschlagen, erniedrigt und ausgebeutet. Viele Frauen sind gezwungen bei einem ungeliebten Ehepartner zu bleiben, weil sie von ihm abhĂ€ngig sind. Um sich von der passiven Rolle als Sexobjekt zu emanzipieren, ist es fĂŒr die Frauen notwendig, sich von der ökonomischen und auch von der psychologischen AbhĂ€ngigkeit zu befreien. Doch woher stammt die UnterdrĂŒckung?

Trotz aller technologischen Fortschritte und gesellschaftlichen UmwĂ€lzungen hat sich die patriarchalische Familie bis heute erhalten. Lange Zeit herrschte die Meinung, dass diese Ein­richtung seit Anbeginn der Menschheit existierte. Als erster Forscher stellte Bachofen 1861 mit dem Erschei­nen seines Buches "Mutterrecht" diese These in Frage. Er hatte entdeckt, dass ursprĂŒnglich bei allen Völkern des Altertums die Abstammung nur in der weiblichen Linie - nach Mutterrecht - gerechnet wurde und dass in Folge hiervon den Frauen, als den MĂŒttern, den einzigen sicher bekannten Elternteil, ein hoher Grad von Achtung und Ansehen gezollt wurde.

Weitere AufschlĂŒsse geben die Forschungen des amerikanischen Forschers Lewis H. Morgan, der 1877 das Buch „Ancient Society" veröffentlichte. Seine Untersuchungen bei nordamerikanischen Indianern und den Ureinwohnern Hawaiis geben uns Aufschluss ĂŒber die Entwicklungen der Familienstrukturen aus einer Zeit, in der es noch keine schriftlichen Überlieferungen gibt. Zu seinem Verdienst gehört auch die Erkenntnis ĂŒber den engen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Entwicklung und der Entwicklung der Familienstruktur. Die Entwicklung der Produktion, also die Erzeugung von Lebensmittel, Kleidung Wohnung und die dazu erforderlichen Werkzeuge einerseits, andrerseits die Fortpflanzung der Menschen selbst bestimmen die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Epoche der Geschichte leben. Je weniger die Produktion entwickelt ist und je beschrĂ€nkter die Menge der Erzeugnisse und somit der Reichtum der Gesellschaft sind, desto stĂ€rker ist die Gesellschaft beherrscht durch VerbĂ€nde, die auf Blutsver­wandtschaft begrĂŒndet sind.

Die ursprĂŒngliche Form dieser GeschlechtsverbĂ€nde waren mutterrechtlich organisierte Gentes (oder Clans) wie sie heute noch bei eingeborenen Völkern Afrikas, Asiens und Polynesiens existieren. Familien, die mehrere Generati­onen umfassen, leben gemeinsam in einem Langhaus. Haus, EinrichtungsgegenstĂ€nde und VorrĂ€te gehören allen gemeinsam und gehen von der Gens der Frau auf deren Kinder ĂŒber, die Haushaltung wird gemeinschaftlich gefĂŒhrt. Die Gemeinschaft sorgt fĂŒr den Einzelnen und der Einzelne fĂŒr die Gemeinschaft. Im Verlauf der Entwicklung schließen sich mehrere Clans zu StammesverbĂ€nden zusammen, deren Vertreter auf demokratische Weise gewĂ€hlt und abgesetzt werden. Diese Gesellschaftsordnung kannte nur freie und gleiche Menschen - Frauen wie MĂ€nner. Es war eine Gesellschaft ohne Staat und vom Volk getrennte Obrigkeiten, die Arbeitsteilung bestand naturwĂŒchsig auf Grundlage der Geschlechts- und Altersverschiedenheit.

Mit der ZĂŒchtung von Haustieren entwickelt sich eine neue Quelle des Reichtums. WĂ€hrend sich frĂŒher der Besitz auf das Haus, die Kleidung, einfachen Schmuck und Werkzeuge beschrĂ€nkte, liefern nun die Herden von Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen den Hirtenvölkern reichlich Nahrung. Wem gehörte nun dieser Reichtum? UrsprĂŒnglich zweifellos der Gens. Nach der damaligen Arbeitsteilung war der Mann fĂŒr die Beschaffung der Nahrung verantwortlich und die Frauen fĂŒr den Haushalt (das bedeutete auch, fĂŒr den Bau der HĂŒtten). Je mehr sich die ReichtĂŒmer mehrten, gaben sie aber dem Mann eine wichtigere Stellung in der Familie. In diese Zeit fĂ€llt auch die EinfĂŒhrung des Privateigentums und die Herden gingen aus dem Gemeinbesitz der Gens oder des Stammes in das Eigentum einzelner Familien ĂŒber. Nach dem Tod des Mannes konnte dieser seinen Besitz aber nach der hergebrachten Erbfolge nicht an seine eigenen Kinder weitervererben, da diese zu einer anderen Gens gehörten als er selbst. Diese Ordnung musste also umgestoßen werden und sie wurde umgestoßen.

Friedrich Engels schreibt dazu:„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwĂŒrdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kindererzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau ... ist allmĂ€hlich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Formen gekleidet worden; beseitig ist sie keineswegs" (Friedrich Engels, 1884: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates)

Ab diesen Zeitpunkt werden die Clans nach dem Vaterrecht organisiert. Im Unterschied zur mutterrechtlich organisierten Gens (wo es vor allem um die Vermeidung der Inzucht ging) wird nun - um den Besitz zusammenzuhalten – die Ehe innerhalb des eigenen Clans zur Regel. Um die Vaterschaft der Kinder sicherzustellen, wird den Frauen strenge Monogamie abverlangt. Die Arbeitsteilung bleibt dieselbe, doch was der Frau ihre frĂŒhere Herrschaft im Haus gesichert hat, sichert jetzt die Herrschaft des Mannes.

Mit der Entwicklung des Handwerks entsteht eine neue Arbeitsteilung und durch den Unterschied von Reichen und Ärmeren eine Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Die Besitzunterschiede der einzelnen Familien sprengen die alte kommunistische Hausgemeinde ĂŒberall, wo sie bis dahin erhalten war; mit ihr die gemeinsame Bebauung des Bodens. Das Ackerland wird den einzelnen Familien zunĂ€chst auf Zeit, spĂ€ter ein fĂŒr allemal zur Nutzung ĂŒberwiesen. Die Einzelfamilie fĂ€ngt an, die wirtschaftliche Einheit in der Gesell­schaft zu werden. Engels1 (1884) beschreibt das so:

„Nun hatte die Gentilverfassung ausgelebt. Sie war gesprengt durch die Teilung der Arbeit, und ihr Ergebnis, die Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Sie wurde ersetzt durch den Staat. GegenĂŒber der alten Gentilorganisation kennzeichnet sich der Staat erstens durch die Einteilung der Staatsangehörigen nach dem Gebiet. Da der Staat entstanden ist aus dem BedĂŒrfnis, KlassengegensĂ€tze im Zaum zu halten, so ist er in der Regel Staat der mĂ€chtigsten, ökonomisch herrschenden Klasse. So war der antike Staat vor allem Staat der Sklavenbesitzer zur Niederhaltung der Sklaven, wie der Feudalstaat Organ des Adels zur Niederhaltung der leibeignen und hörigen Bauern und der moderne bĂŒrgerliche Staat Werkzeug der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital."

Eine Übergangsform zur Einzelfamilie ist die patriarchalische Hausgemeinschaft, die mehrere Generationen umfasst, die alle auf einem Hof zusammenleben, ihre Felder gemeinsam bebauen und den Ertrag gemeinsam besitzen. WĂ€hrend in dieser die FĂŒhrung des Haushalts noch eine gesellschaft­liche Aufgabe war, ist sie in der modernen Kleinfamilie zu einem privaten Dienst verkĂŒmmert und die Frau ist vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Erst die Entwicklung der modernen Industrie und hat der Frau den Weg zur gesellschaftlichen Produktion wieder eröffnet.

Die Frau und die gesellschaftliche Arbeit

Die moderne Industrie zog massenhaft Frauen und Kinder, die vom Hunger getrieben waren, in die Fabriken. Damals wie heute wird die weibliche Arbeitskraft geringer bewertet als die mĂ€nnliche. Obwohl die Frauen heute ĂŒber mehr berufliche Qualifikationen verfĂŒgen, werden ihnen erheblich niedrigere Löhne und GehĂ€lter ausbezahlt. Das Einkommen der Frauen wird als Zusatzverdienst betrachtet und ihre Hauptaufgabe weiterhin im Haushalt und in der Kindererziehung angesehen. Diese Aufgabe, obwohl unerlĂ€sslich fĂŒr die Gesellschaft, ist eine unbezahlte Privatsache geblieben. Trotz mancher Erleichterungen stellt die doppelte Ausbeutung fĂŒr erwerbstĂ€tige Frauen meist eine Zerreiß­probe dar. Die Technisierung der Hausarbeit ist kein Luxus, sondern eine wichtiger Faktor zur Erhöhung der gesellschaftlichen ArbeitsproduktivitĂ€t und bewirkt eine Verteuerung der Lebenserhaltungskosten einer Arbeiterfamilie. TatsĂ€chlich erreicht das Kapital mit der Einbeziehung der Frauen in die Produktion, dass die Löhne niedrig gehalten werden können. FĂŒr die meisten Arbeiterfamilien reicht das Einkommen einer Person gar nicht aus, um die Lebenserhaltungskosten zu decken. Die Zunahme von Singlehaushalten und der GeburtenrĂŒckgang, der in allen westlichen Gesellschaften zu verzeichnen ist, beweist aber, dass es mit der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf' nicht weit her ist. Obwohl zur Aufrechterhaltung des Systems die bĂŒrgerliche Kleinfamilie notwendig ist, wird sie durch den Kapitalismus zerstört.

Die Internationale Frauenbewegung

Durch den Expansionsdrang des Kapitals wurde das kapitalistische System allen Völkern der Erde aufgezwungen, egal auf welcher Entwicklungsstufe sie sich befanden. Durch die Krise des Kapitalismus und die imperialistischen Kriege wurde die Lage der Menschen in den EntwicklungslĂ€ndern zunehmend verschĂ€rft. Die Kapitalisierung der Landwirtschaft fĂŒhrte zur Abwanderung in die StĂ€dte, zu Massenarbeitslosigkeit und Verelendung. Die grĂ¶ĂŸte BĂŒrde lastet auf den Frauen, die oft unter schwierigsten Bedingungen die LebensverhĂ€ltnisse aufrechterhalten mĂŒssen. Frauen leisten weltweit einen Großteil der unbezahlten Arbeit, die laut UNO etwa ein Drittel der gesamten menschlichen Produktion ausmacht. Der Kampf der Frauen im Trikont richtet sich einerseits gegen feudal-patriarchalische Traditionen, die durch den Kapitalismus nicht abgeschafft sondern von den imperialistischen UnterdrĂŒckern konserviert werden. Diese hemmen die gesellschaftliche Entwicklung und stellen vor allem fĂŒr die Frauen schwere Fesseln dar. Viele Frauen sind mit Zwangsheirat, gesellschaftlicher Diskriminierung und frauenfeindlichen BrĂ€uchen konfrontiert oder werden als Landarbeiterinnen und DienstmĂ€dchen wie Leibeigene behandelt. Gleichzeitig werden die Frauen durch die moderne globalisierte Sklaverei in den Fabriken und auf den Plantagen der imperialistischen Konzerne ausgebeutet und als Sexobjekte auf internationalen MĂ€rkten verkauft. Die internationale Frauenbewegung hat daher den Kampf gegen den Imperialismus zum obersten Ziel.

Freiheit in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft?

Ist es möglich, auf die fortbestehende UnterdrĂŒckung mit einem „Kampf der Geschlechter" zu antworten, ohne die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen? Nicht nur die Frauen sind von der UnterdrĂŒckung betroffen, die ganze Gesellschaft leidet unter den ausbeuterischen VerhĂ€ltnissen. Auf rĂŒckstĂ€ndige feudale Traditionen entgegnet die bĂŒrgerliche Gesellschaft mit ihrer Vorstellung von individueller „Freiheit". Doch dies ist eine negative Sicht, die die Frage der Rechte des Individuums im Wesentlichen nur in der Begrenzung von Eingriffen anderer sieht und die Menschen zu Individuen reduziert, die mit anderen in Wettbewerb stehen. Und das ist die höchste Vision von Freiheit, zu der die bĂŒrgerliche Sichtweise fĂ€hig ist. Die „Individualisierung" der modernen kapitalistischen Gesellschaft hat aber zur Isolation und zur Vereinsamung vieler Menschen gefĂŒhrt. Wie sollte auch die Befreiung des/der Einzelnen möglich sein, ohne die ganze Gesellschaft zu von der UnterdrĂŒckung zu befreien?

Der 8. MĂ€rz

Der Internationale Frauentag entstammt der Tradition der kĂ€mpferischen Arbeiterinnenbewegung und erinnert an den Streik der Textilarbeiterinnen am 8. MĂ€rz 1908 in New York. Die streikenden Arbeiterinnen wurden vom Fabrikbesitzer und den Aufsehern in der Fabrik eingeschlossen. Aus ungeklĂ€rten GrĂŒnden brach in der Textilfabrik ein Brand aus. Nur wenigen der eingesperrten Frauen gelang die Flucht und 129 Arbeiterinnen starben in den Flammen. Die nordamerikanischen Sozialistinnen fĂŒhrten 1909 das erste Mal auf nationaler Ebene einen speziellen Frauenkampftag durch. In Europa wurde 1910 in Kopenhagen von der Sozialistischen Internationale die EinfĂŒhrung eines jĂ€hrlichen Internationalen Frauentages fĂŒr die Interessen der Frauen gegen mehrfache Ausbeutung und UnterdrĂŒckung beschlossen. Erinnern wir uns an diese Tradition und feiern wir diesen Tag als einen Tag des politischen Kampfes fĂŒr soziale und politische Gerechtigkeit!

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004