Türkei: die Kurden und die USA PDF Drucken E-Mail

Feuer in den Bergen

 aus: A World to Win News Service, 30. Oktober 2007:

Die Drohungen der Türkei, in den Nordirak einzufallen, wurden aufgeschoben angesichts des Treffens zwischen dem türkischen Premierminister Tayip Erdogan mit George W. Bush am 5. November. Doch das bedeutet nicht, dass diese Invasion nicht stattfinden könnte. Zwischen der Türkei und den Kurden ist kein Frieden ausgebrochen, und damit ist auch nicht zu rechnen, weil es nicht das ist, was die Türkei will. Über Hunderttausend schwerbewaffnete Soldaten warten entlang der türkisch-irakischen Grenze bereits auf ihren Einsatzbefehl. Die Weigerung der USA jedoch, dem Wunsch der Türkei entsprechend, Aktionen gegen die PKK-Camps im Nordirak zu unternehmen, spricht für sich selbst. Die USA unterstützen, wenn auch im unterschiedlichen Ausmaß, beide Seiten. Natürlich haben ein paar Tausend PKK-Kämpfer nicht den gleichen Stellenwert wie die millionenstarke türkische Armee. Ein Mann in Sulaimaniya drückte die Situation treffend aus, indem er die die USA einem Mann verglich, “der zwei Frauen hat; die beiden streiten, er will aber keine von beiden verlieren.”

Die herrschende Klasse in der Türkei antwortete auf den Tod der Soldaten mit einem Sturm von Chauvinismus und anti-kurdischem Rassismus. Die Medien bringen emotionelle Interviews mit Verwandten der getöteten Soldaten, Zeitungsüberschriften lechzen nach Blut, türkische Fahnen werden bei jedem Fußballspiel ausgeteilt, und es ist verpflichtend für jeden Spieler, eine Schweigeminute für die „Märtyrer“ einzulegen. Die Begräbnisse der Soldaten wurden in Demonstrationen rechtsextremer Nationalisten verwandelt, denen von Seiten der Medien genügend Sendezeit zuteil wird, um den Mob aufhetzen. Junge Frauen treten im Fernsehen auf, die freiwillig gegen "die Terroristen" in den Krieg ziehen wollen. Die wenigen Stimmen, die es wagen, zur Mäßigung aufzurufen, werden als "Verräter" gebrandmarkt. Das Ergebnis: kurdische Politiker und Vereine wurden überfallen, Geschäfte ausgebrannt.

Türkische Generale führen seit zwei Jahrzehnten einen schmutzigen Krieg gegen die PKK, mehr als 2000 Dörfer wurden von der Landkarte gelöscht, zehntausende Kurden verhaftet. Die Verhaftung des PKK-Vorsitzenden Öcalans erfolgte just zu dem Zeitpunkt, als dieser öffentlich für eine friedliche Lösung mit der Türkei und ein Arrangement mit den USA eintrat. Das führte zur Enttäuschung und Demoralisierung vieler Kurden. Sie beklagen, dass ihre Bemühungen, sich an das System anzupassen, nicht entsprechend belohnt wurden. Der kurdische Nationalismus bereitet dem türkischen Regime jedoch ein existenzielles Problem. Der Verfall des osmanischen Reichs hatte bei den europäischen Mächten Begehrlichkeiten auf Teile Armeniens und Kurdistans geweckt, und der Erfolg Kemal Atatürks, auf den Trümmern des zerfallenden Reiches einen modernen Staat zu errichten, ist auf der Unterwerfung der Kurden und der Niederschlagung ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen begründet. Die Kurden wurden als "rückständige Bergtürken" bezeichnet und ihre Kultur so unterdrückt, dass es bis 1991 illegal war, in der Öffentlichkeit kurdisch zu sprechen. Bis heute ist der Gebrauch der kurdischen Sprache in den Schulen und im Fernsehen streng eingeschränkt, und der Großteil der Kurden ist sozialer, ökonomischer und politischer Unterdrückung ausgesetzt. Doch ein großer Teil der kurdischen Bevölkerung lebt heute nicht mehr in kleinen abgelegenen Bergdörfern, sondern in den Slums der Großstädte.

Die Türkei hatte sich nicht an der Invasion des Irak beteiligt, erteilte jedoch die Überfluggenehmigung über türkisches Gebiet. Als die USA in den Irak einfielen, hatten sie auch nicht vor, einen kurdischen Staat in der Region zu dulden. Aber als es ihnen nicht gelang, den Irak unter ihre Kontrolle zu bringen, blieb die kurdische Regierung im Nordirak ihr einzig verlässlicher Verbündeter. Die kurdische Region verfügt nicht nur über reiche Ölquellen, sondern auch über eine Armee, die weit größer ist als die PKK. Obwohl die PKK von den USA als Terroristen bezeichnet werden, paktieren sie mit ihrem iranischen Zweig. Zweifellos gehört es zu ihrem Plan, die Kurden in ihrem Konflikt mit dem Iran zu benützen.

Heute ist die herrschende Klasse der Türkei höchst beunruhigt über den Sieg der kurdischen Nationalisten an ihren Grenzen. Die vor kurzem stattgefundenen Wahlen in der Türkei würden es der herrschenden Klasse ironischerweise ermöglichen, eine Invasion mit Billigung des Parlaments im Namen der Demokratie durchzuführen. Möglicherweise denkt die türkische Regierung auch daran, die Spannungen zwischen den USA und dem Iran auszunützen, um im Falle eines Krieges mitreden zu können. Die Interessen der Herrschenden der USA und der Türkei sind nicht die gleichen - aber in einem Punkt überschneiden sie sich: Sie schrecken nicht davor zurück, riskante Schritte zu unternehmen, deren Resultat wieder einmal Blutvergießen - vor allem das von unschuldigen Menschen - sein würde.

erschienen in: Talktogether Nr. 22/2007