Augen auf! Stoppt die Gewalt gegen Frauen! PDF Drucken E-Mail

Augen auf! Stoppt die Gewalt!

Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

von Beate Wernegger


Foto: Mohammad Sadeqi. Ausstellung mit Nina Vasilchenko 201
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Was haben eine gut bezahlte Managerin, eine Richterin oder eine Professorin mit einer Fabrikarbeiterin gemeinsam, die mit ihren Kindern in einer Slumh√ľtte lebt? Was verbindet diese Frauen mit der Migrantin, die ihre eigenen Kinder zur√ľcklassen muss, um sich um deren Haushalt, deren Kinder oder deren pflegebed√ľrftige Eltern zu k√ľmmern?

Laut Statistiken der UNO werden weltweit bis zu 70 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt. Und diese Gewalt beschr√§nkt sich nicht auf spezielle Kulturen, Regionen, L√§nder oder bestimmte Gruppen von Frauen. Soziale Schicht und Bildungsstand spielen aber dennoch eine Rolle, n√§mlich im Hinblick auf die Frage, welche M√∂glichkeiten eine Frau hat, sich dagegen zu wehren. Bedrohung und Bel√§stigung, Freiheitsberaubung, Abtreibung weiblicher F√∂ten, Zwangsheirat, sexualisierte Gewalt, Genitalverst√ľmmelung, Vergewaltigung und Mord ‚Ķ die Liste der Grausamkeiten, die gegen Frauen und M√§dchen nur aufgrund ihres Geschlechts begangen werden, ist lang. Die Opfer sind jedoch nicht nur in so genannten ‚Äěunterentwickelten‚Äú L√§ndern zu finden, sondern auch bei uns in Europa sind die Frauenh√§user voll. Tagt√§glich werden in unserer Nachbarschaft Frauen krankenhausreif geschlagen, bedroht, kontrolliert und erniedrigt. Und sehr oft wird ihnen diese Gewalt nicht von Fremden zugef√ľgt, sondern sie findet in den eigenen vier W√§nden statt.

URSACHEN F√úR DIE GEWALT

Ist es ein Gesetz der Natur, dass M√§nner √ľber Frauen herfallen wie wilde Tiere? Nun haben aber Vergewaltigungen weniger mit Natur und Sexualit√§t zu tun als mit Aggression und Machtdemonstration. Die Bedrohung durch Angriffe zwingt die Frauen in enge Schranken. Vergewaltigungen werden aber auch als Kriegswaffe eingesetzt mit dem Ziel, den (m√§nnlichen) Gegner zu dem√ľtigen ‚Äď wie im Zweiten Weltkrieg, im Bosnienkrieg, im Kongo oder j√ľngst durch die Terrormiliz IS. Peggy Reeves Sanday hat in ihren Forschungen herausgefunden, dass die Ungleichheit der Boden ist, auf dem die Gewalt gedeiht. Die Anthropologieprofessorin hat 95 urspr√ľngliche Stammesgesellschaften untersucht und miteinander verglichen. Dabei ist sie zu der Erkenntnis gelangt, dass Vergewaltigungen in egalit√§ren Gesellschaften, in denen Frauen gleichberechtigt an √∂ffentlichen Ent¬≠scheidungsfindungen teilhaben, quasi nicht existent sind. Im Gegensatz dazu haben Frauen in Gesellschaften, in denen Vergewaltigungen h√§ufig passieren, wenig Macht und erfahren wenig Respekt.


Bild von Nina Vasiltshenko

GEWALT ALS MACHTINSTRUMENT

In einer hierarchischen Gesellschaftsordnung sind es die Schw√§cheren und Machtlosen, die sich anpassen, verf√ľgbar sein und gehorchen m√ľssen. Gewalt oder die Androhung von Gewalt sind Instrumente, andere in die Schranken zu weisen und sie dazu zu zwingen, sich zu unterwerfen. Gewalt wird nicht nur von Individuen, sondern auch von staatlichen Organen und im Namen von Gesetzen ausge√ľbt. Wenn eine Asylwerberin nach der Gewalt, die sie durchlitten hat, mit Abschiebung und Auslieferung an ihre Peiniger bedroht wird, wenn eine illegalisierte Einwanderin aus Angst vor einer Ausweisung es nicht wagt, sich gegen anhaltende sexualisierte Gewalt zu wehren oder wenn eine schwangere Roma-Frau, die, nachdem sie in einem Park in Bologna von sechs M√§nnern vergewaltigt worden war, aus Italien ausgewiesen wird, so sind das Beispiele f√ľr die himmelschreiende Ungerechtigkeit, mit der die Staatsgewalt mitunter Menschen behandelt, die sich aufgrund ihrer Machtlosigkeit nicht wehren k√∂nnen.

SEXISMUS UND GEWALT

Die Gewalt hat aber unterschiedliche Erscheinungsformen. Nicht immer tritt sie offen und unvermittelt auf, oft bleibt sie im Verborgenen, und dennoch ist unser Alltag von ihr durchdrungen. Rollenbilder sind h√§ufig so tief im Bewusstsein verankert, dass Frauen scheinbar bereitwillig bei diesem Spiel mitmachen, ohne die Gewalt dahinter zu erkennen. Eine der Ursachen f√ľr den Anstieg der Gewalt gegen Frauen in der heutigen Gesellschaft ortet die britische Journalistin Natasha Walter in der zunehmenden Warenf√∂rmigkeit der Sexualit√§t. Der erleichterte Zugang zu Pornographie durch das Internet, schreibt Walter in ihrem 2010 ver√∂ffentlichten Buch ‚ÄěLiving Dolls‚Äú, ermutige die M√§nner, Frauen als Objekte anzusehen. Die pornographische √Ąsthetik, wie sie durch Medien, Werbung und Pop-Kultur vermittelt wird, so Walter, setze viele Frauen unter Druck, bestimmten Sch√∂nheitsidealen zu entsprechen und immer f√ľr Sex verf√ľgbar zu sein. In einer Befragung, die Natasha Walter durchgef√ľhrt hat, haben einige junge M√§dchen angegeben, sich eine Sch√∂nheitsoperation zu w√ľnschen. Wo bleibt hier die Selbstbestimmung europ√§ischer Frauen √ľber ihren K√∂rper und ihre Sexualit√§t?

WAS TUN GEGEN DIE GEWALT?

Manche pl√§dieren f√ľr strengere Gesetze gegen Gewaltt√§ter und mehr Schutzeinrichtungen, um die Gewalt gegen Frauen einzud√§mmen. Gesetzliche Reformen zeigen jedoch leider oft nicht die erw√ľnschte Wirkung. Aus Scham oder um einer nahe stehenden Person nicht zu schaden, scheuen sich viele Frauen, √ľber die erfahrene Gewalt zu sprechen, die T√§ter anzuzeigen und Hilfe zu suchen. F√ľr Frauen, deren Aufenthaltsrecht und/oder finanzielles √úberleben vom Ehemann abh√§ngig sind, ist der Ausstieg aus einer Gewaltbeziehung besonders schwierig. Schlie√ülich kommt es nur in einem Bruchteil der angezeigten F√§lle zu einer Verurteilung. Oder ist es die Angelegenheit jeder Frau, sich selbst darum zu k√ľmmern, nicht zum Opfer zu werden? Sollte sie abends nicht allein aus dem Haus gehen oder sich Produkte wie vergewaltigungsresistente Unterw√§sche kaufen, mit denen manche Firmen werben? Diesen Eindruck k√∂nnte man gewinnen, wenn man den Ratgeber liest, den das spanische Innenministerium als Reaktion auf den Anstieg von gewaltt√§tigen Angriffen gegen Frauen herausgegeben hat. Darin hei√üt es, Frauen sollten nicht regelm√§√üig durch verlassene und dunkle Stra√üen gehen. Nicht erw√§hnt wird, wie eine Frau das anstellen sollte, die in der Nacht arbeiten muss. Die Angst vor Vergewaltigungen scheint zudem daf√ľr eingesetzt zu werden, Frauen vom Protest gegen das neoliberale Sparprogramm abzuhalten: Laut Ratgeber seien Demonstrationen ein Anziehungspunkt f√ľr Vergewaltiger.

Wenn aber die Gewalt nur ein Spiegel der gesellschaftlichen Verh√§ltnisse ist, m√ľssen wir uns fragen, warum die Rechte, die von den Frauenbewegungen errungen wurden, uns von dieser Gewalt nicht befreien konnten. Frauen sind heute √∂konomisch unabh√§ngiger als je zuvor. Noch nie in der Geschichte waren so viele Frauen in hoch qualifizierten und gut bezahlten Berufen zu finden, und das trifft nicht nur auf Europa und Nordamerika zu, sondern auch auf Frauen aus der Mittel- und Oberschicht in den L√§ndern des S√ľdens. Sexismus, frauenfeindliche Ideologien und Gewalt gegen Frauen sind jedoch l√§ngst nicht ausgerottet, sondern erscheinen nur in immer neuen Gew√§ndern. Sie k√∂nnen durch Gesetze und Reformen vielleicht etwas abgemildert werden, aber abschaffen k√∂nnen wir diese √úbel wohl nur dann, wenn sich Strukturen und Werte der Gesellschaft grundlegend ver√§ndern.Solange Ungleichheit besteht, wird auch die Gewalt nicht verschwinden.


Gulabi Gang (Foto: Aljazeera)

DIE FRAUEN WEHREN SICH

Als Fortschritt kann aber die Tatsache gewertet werden, dass viele Frauen auf der ganzen Welt nicht mehr bereit sind, Sexismus und Gewalt hinzunehmen. Das bekam auch der konservative B√ľrgermeister von Valladolid, Francisco Javier Le√≥n de la Riva, zu sp√ľren. Seine Warnung an alle M√§nner: ‚ÄěWer alleine mit einer Frau in einen Aufzug steigt, muss damit rechnen, dass sie sich den BH und den Rock herunterrei√üt, schreiend herausl√§uft und behauptet, Opfer eines √úbergriffs geworden zu sein‚Äú, rief in Spanien gro√üe Proteste hervor. Aber auch in extrem konservativen L√§ndern wie Saudi-Arabien wehren sich Frauen zunehmend gegen Gewalt und Beschr√§nkungen im Alltag und fordern ihre Rechte immer vehementer ein, zum Beispiel das Recht zu w√§hlen und mit dem Auto oder dem Rad zu fahren.

Ein radikales Beispiel daf√ľr, dass Frauen es satt haben, noch l√§nger Opfer zu sein, liefert die indische Gulabi Gang. Diese in Eigeninitiative entstandene weibliche Garde im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh hat die Verteidigung der Frauen in die eigenen H√§nde genommen. In dieser vom Feudalismus gepr√§gten Region leben 40 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze, 47 Prozent der Frauen k√∂nnen weder lesen noch schreiben. Vor allem f√ľr Frauen aus den unteren Kasten geh√∂ren sexuelle √úbergriffe zum Alltag. Mit St√∂cken bewaffnet und in grelle, pinkfarbene Saris gekleidet patrouillieren die Mitglieder der Gulabi Gang durch die D√∂rfer, stellen gewaltt√§tige Ehem√§nner zur Rede, verhindern Kinderhochzeiten, gehen gegen tyrannische Schwiegereltern vor und zwingen korrupte Polizeibeamte, Vergewaltiger zu verhaften. Trainiert in der traditionellen Stockkampfkunst Lathi scheuen sie auch nicht davor zur√ľck, unbelehrbare Ehem√§nner zu verpr√ľgeln. Gef√ľrchtet sind die Frauen der Gulabi Gang aber nicht nur wegen ihrer Kn√ľppel und der Bereitschaft, Gewaltt√§ter hartn√§ckig zu verfolgen, sondern vor allem wegen der Medienwirksamkeit ihrer Aktionen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 50/2014

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